Perlen der Popmusik: Die Geschichte hinter Michael Zager Band – “Let’s all chant”
“Let’s all chant”, der Hit der Michael Zager Band, gehört zu der seltenen Kategorie von Songs, die so grundlegend mit ihrer Zeit verbunden sind, dass sie fast ikonisch geworden sind. Es ist ein Lied, das aus Beobachtungen in den Clubs von New York entstand, eine fast schüchterne Idee, die zu einem weltweiten Tanzflächenhit werden sollte. Die Geschichte dahinter ist eine von zufälliger Inspiration, professionellem Handwerk und unerwarteter Magie, die manchmal entsteht, wenn die richtigen Elemente zusammenkommen.
Michael Zager
Der Mann hinter dem Projekt, Michael Zager, wurde am 3. Januar 1943 in Passaic, New Jersey, geboren. Seine musikalische Laufbahn begann lange bevor die Disco-Ära ihren Höhepunkt erreichte. Nach seinem Studium an der University of Miami und am Mannes College of Music entwickelte er sich zu einem vielseitigen Musiker, Komponisten und Produzenten. Zwischen 1968 und 1973 war er Mitglied der Jazz-Rock-Band Ten Wheel Drive, wo er seine Fähigkeiten als Arrangeur und Keyboarder verfeinerte. Dieser Hintergrund in Jazz und Rock sollte später ein einzigartiges Element zu seinen Disco-Produktionen hinzufügen.
Mitte der 1970er Jahre, als Disco langsam die amerikanischen Tanzflächen dominierte, erkannte Zager die Möglichkeiten des Genres. Er arbeitete als Produzent und Arrangeur für verschiedene Künstler und schuf 1975 sein erstes Projekt für den Disco-Markt: Love Childs Afro-Cuban Blues Band, später verkürzt zu Afro-Cuban Band. Der Erfolg dieses Projekts überzeugte ihn, dass es eine Zukunft in der Disco-Welt gab. Als Jerry Love, ehemaliger Leiter von Artists and Repertoire bei A&M Records, mit einer bemerkenswerten Idee auf ihn zukam, war Zager bereit für den nächsten Schritt.
Love und Zager hatten 1976 bereits die Michael Zager Moon’s Band gegründet, doch der Durchbruch wurde erst nach einem Abend in den Clubs von Greenwich Village Realität. Love war ein regelmäßiger Besucher des Studio 54 und ging fast jeden Abend in Clubs. Bei einem seiner Besuche bemerkte er etwas Auffälliges: Die Leute sangen kontinuierlich die Silben ooh-ah, ooh-ah zu jeder abgespielten Melodie mit. Es war ein spontaner Ausdruck kollektiver Freude, eine Möglichkeit für die Besucher, ihre Bindung zur Musik zu intensivieren. Am nächsten Tag erzählte Love begeistert Zager davon und schlug vor, ein Lied um diesen Chant zu schreiben. Zagers erste Reaktion war zurückhaltend. In der Zwischenzeit änderte die Band ihren Namen in Michael Zager Band und unterschrieb einen Vertrag bei Private Stock Records, dem Label, das ihre Plattform werden sollte.
Let’s all chant
Der daraus entstandene Song “Let’s all chant” wurde von Michael Zager und Alvin Fields geschrieben. Fields, der auch als Sänger auf den Alben der Band zu hören war, steuerte den Text bei, der bemerkenswert einfach war. Die Lyrics bestanden hauptsächlich aus Aufforderungen, sich zu bewegen, zu tanzen und mitzusingen, genau wie Love es in den Clubs beobachtet hatte. Musikalisch war der Song jedoch alles andere als simpel. Zager integrierte ein klassisches Streicherarrangement in die Mitte des Songs, eine unerwartete Wendung, die ihn von der Standard-Discoformel abhob. Diese barocke Pause, wie Kritiker sie später nannten, verlieh dem Song eine Raffinesse, die in Disco-Produktionen jener Zeit selten zu finden war.
Die Produktion nutzte ein großes Musikerensemble. Francisco Centeno am Bass, Allan Schwartzberg am Schlagzeug, Jeff Mironov an der Gitarre und Rob Mounsey an Synthesizern, E-Piano und Clavinet bildeten die Basis. Darüber hinaus kamen Bläser, Streicher, Harfe und Percussion hinzu, was zu einem üppigen, orchestralen Sound führte. Die vokalen Arrangements mit wiederholten ah-ah, eh-eh Refrains wurden von Fields und einer Gruppe von Backgroundsängern gesungen. Es war eine Produktion, die Zagers Hintergrund in orchestraler Musik mit dem rhythmischen Fundament des Disco verband.
“Let’s all chant” wurde im Dezember 1977 als Single veröffentlicht, mit “Love Express” auf der B-Seite, genau in der Weihnachtswoche. Zager befürchtete, dass dies der schlechteste Zeitpunkt für eine Veröffentlichung sei, da viele große Künstler zu dieser Zeit ihre Alben veröffentlichten. Er erwartete höchstens einen Disco-Hit. Die Realität übertraf jedoch alle Erwartungen. Am 18. Februar 1978 erreichte die Single Platz eins der US-amerikanischen Disco-Charts, wo sie eine Woche lang stand und damit Cerrones “Supernature” von der Spitze verdrängte. Der Song zeigte jedoch eine breitere Anziehungskraft als nur in den Disco-Clubs. Er stieg auf Platz 15 der Soul Singles Charts, Platz 36 der Billboard Hot 100, Platz 25 der Cash Box Top 100 und Platz 31 der Record World Charts.
International schnitt der Song noch besser ab. In Großbritannien erreichte er Platz 8 und hielt sich zwölf Wochen in den Charts. In Frankreich erreichte er Platz 5 und wurde die elftmeistverkaufte Single des Jahres 1978. In den Niederlanden erreichte er Platz 4, während er in Belgien Platz 2 der flämischen Ultratop 50 belegte. In Kanada erreichte er Platz 2 der Dance-Charts und Platz 27 der allgemeinen Charts. Diese internationalen Erfolge waren bemerkenswert für einen Song, der ursprünglich als einfacher Club-Hit gedacht war.
Pat und Mick
Der Song blieb nicht auf seine Originalversion beschränkt. 1988 nahmen die britischen Radiomoderatoren Pat Sharp und Mick Brown, bekannt als Pat und Mick, eine Coverversion auf. Produziert von Stock Aitken Waterman, der dominanten Hitfabrik der späten 1980er, verwandelte diese Version den Song in einen Synth-Pop- und Euro-House-Sound. Die elektronischen Beats und das Call-and-Response-Charakter des Originals wurden beibehalten, aber die Produktion klang eindeutig modern für die Zeit. Diese Version enthielt auch Samples von Duran Durans “The Reflex”, was dem Sound eine zusätzliche Dimension verlieh.
Die Single wurde als Charity-Single für Help A London Child veröffentlicht. Sie erreichte Platz 11 der UK Singles Charts und blieb neun Wochen in den Top 100. Außerdem erreichte sie Platz 4 der UK Indie Charts. Die Wahl des Songs durch Pat und Mick war symbolisch: Sie verbanden die Disco-Glorie der 1970er mit der House- und Synth-Pop-Revolution der späten 1980er. Es war eine ihrer erfolgreichsten Veröffentlichungen, obwohl ihre nächste Single “I Haven’t Stopped Dancing Yet” 1989 noch höher auf Platz 9 landete.
Die Coverversion von Pat und Mick war nur der Beginn einer langen Reihe von Interpretationen. 1996 remixte der britische Produzent und DJ Gusto den Song und fügte House-Einflüsse und pulsierende elektronische Rhythmen hinzu, während die chant-artigen Hooks erhalten blieben. Diese Version erreichte Platz 21 der UK Singles Charts und Platz 2 der UK Dance Charts. 2002 produzierte der deutsche DJ Ole Wierk unter dem Alias DJ Valium ein elektronisches Dance-Remake mit Trance-Einflüssen, das Platz 42 in Frankreich, Platz 44 in Österreich und Platz 73 in Deutschland erreichte. Im selben Jahr coverte die französische Band Seventy Three den Song für Werbungen von Orangina und später McDonald’s, was Platz 41 der französischen Charts einbrachte. 2003 veröffentlichte Disco Queen eine Version, die Platz 10 in Griechenland erreichte. Bob Sinclar remixt den Song 2010 für eine Werbung von Oasis Tea, und die französischen DJs DatA, Nôze und DJ Zebra veröffentlichten im selben Jahr ihre eigenen Interpretationen. 2011 wurde der Song in “Galera” von Jessy Matador mit King Kuduro und Bra Zil interpoliert.
Let’s all chant album
“Let’s all chant” diente als Eröffnungstrack und Lead-Single des gleichnamigen Debütalbums der Michael Zager Band, das 1978 bei Private Stock Records erschien. Das Album spiegelte denselben orchestralen Disco-Ansatz wider, der die Single so unverwechselbar machte. Die sechs Tracks des Albums beinhalteten neben dem Titeltrack auch “Soul To Soul”, die B-Seite “Love Express”, “Music Fever”, “Freak” und “Dancin’ Disney”. Das Album wurde als Continuous Mix produziert, bei dem die Songs auf jeder Seite nahtlos ineinander übergingen, eine charakteristische Produktionstechnik für Disco-LPs, die für den Clubgebrauch gedacht waren.
Die Produktion fand in den Secret Sound Studios in New York City statt, mit zusätzlichen Aufnahmen und Mixes auf 48 Spuren in den Trident Recording Studios in London. Rick Rowe war für Aufnahme und Mix verantwortlich, während Bob Ludwig und Joe Gastwirt das Mastering übernahmen. Das Albumcover, gestaltet von B. Arnold und Neil Terk mit Artwork von David Willardson, spiegelte die extravagante Ästhetik der Disco-Ära wider. Die Credits listeten eine beeindruckende Musikerbesetzung auf, darunter Bläser, Streicher, Harfe und Percussion, was den hohen Produktionswert des Projekts unterstrich. “Love Express”, die B-Seite der Single, wurde von einigen Kritikern sogar höher bewertet als die A-Seite, aufgrund ihres effektiven Grooves.
Life’s a party
Später im Jahr 1978 veröffentlichte die Michael Zager Band ein zweites Album mit dem Titel “Life’s a party”. Dieses Album war in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert, nicht zuletzt, weil es die erste Aufnahme der damals fünfzehnjährigen Whitney Houston enthielt. Zager hatte Whitney entdeckt und sie zusammen mit ihrer Mutter Cissy Houston eingeladen, auf dem Titeltrack des Albums zu singen. Whitneys Beitrag war hauptsächlich als Backgroundsängerin, obwohl sie auch an einigen Stellen als Leadsängerin zu hören war. Es war ein bescheidener Anfang für jemanden, der später eine der größten Sängerinnen der Musikszene werden sollte.
Das Album “Life’s a party” wurde teilweise in den Secret Sound Studios in New York und teilweise auf 48 Spuren in den Trident Recording Studios in London aufgenommen, wo das gesamte Album auch gemixt wurde. Wie beim Debütalbum wurde es als Continuous Mix auf beiden Seiten produziert. Die sieben Tracks beinhalteten “Life’s A Party”, “You Don’t Know a Good Thing”, “I Wish You Would Make Up Your Mind”, “Love, Love, Love”, “Still Not Over”, “On And On” und “Using You”. Cissy Houston war auf mehreren Tracks prominent vertreten, darunter “I Wish You Would Make Up Your Mind” und “Using You”, und brachte ihre gospelartige Soul-Stimme in die Disco-Arrangements ein. Obwohl “Life’s a party” nicht denselben kommerziellen Erfolg wie das Debütalbum hatte, wurde es als solides Disco-Album geschätzt, das die Authentizität der Tanzflächen der 1970er Jahre einfing.
Nach dem Erfolg von “Let’s all chant” und den folgenden Alben verlagerte Michael Zager seinen Fokus allmählich auf Produktion und Komposition für andere Künstler. Zwischen 1979 und 1981 komponierte er neue Bridges für drei Coverversionen von Klassikern durch The Spinners, die alle als Medleys veröffentlicht wurden. “Working My Way Back to You” kombiniert mit “Forgive Me, Girl” erreichte im März und April 1980 Platz 2 der Billboard Hot 100 und Platz 1 im Vereinigten Königreich. “Cupid” kombiniert mit “I’ve Loved You for a Long Time” erreichte im Juli und August 1980 Platz 4 in den USA. Ein drittes Medley, “Yesterday Once More” mit “Nothing Remains the Same”, war weniger erfolgreich und erreichte Platz 52.
Diese Periode markierte Zagers Übergang zu einer vielseitigeren Karriere als Produzent und Arrangeur. Er produzierte für eine beeindruckende Liste von Künstlern, darunter Peabo Bryson, Luther Vandross, Deniece Williams, Jennifer Holliday, Joe Williams, Arturo Sandoval und Herb Alpert. Seine Arbeit erstreckte sich auf über 400 Werbespots für große Marken wie Dr Pepper, IBM, Budweiser, Burger King und viele mehr. Diese kommerzielle Arbeit brachte ihm mehrere Auszeichnungen ein, darunter einen Clio Award und mehrere internationale Filmfestivalpreise. Whitney Houston sang später für ihn in einem Werbespot für Bounce-Waschmittel, wodurch sich der Kreis zu ihrer ersten Zusammenarbeit auf “Life’s a party” schloss. Seine Originalpartituren und Studioaufnahmen von Whitney Houston, The Spinners und der Michael Zager Band wurden in der Rock and Roll Hall of Fame and Museum in Cleveland, Ohio, archiviert.
“Let’s all chant” blieb jedoch sein nachhaltigster Beitrag zur Popkultur. Der Song erschien in zahlreichen Filmen und Fernsehserien. 1978 war er im Thriller Eyes of Laura Mars in einer Szene zu hören, in der Laura Mars ein aufwendiges Fotoshooting organisiert. Er war auf dem Soundtrack des Films The Last Days of Disco (1998) und in Spike Lees Summer of Sam (1999) enthalten. 2021 wurde er im spanischsprachigen Netflix-Film Las Leyes de la Frontera verwendet. Im Fernsehen erschien er in einer Folge der Serie Derrick im November 1978 und wurde in verschiedenen Werbekampagnen eingesetzt, unter anderem für Médiatis 2006. Diese kontinuierliche Präsenz in populären Medien bestätigte den Status des Songs als definitive Disco-Klassiker.

