HeyBobby! – The Unclouding of Otilla Vanilla
Nicht jedes Debüt verdient das Wort ‘ambitioniert’. Es wird zu oft für Platten verwendet, die einfach ein paar Tracks mehr als der Durchschnitt haben oder einen Gastmusiker, der kaum einen Unterschied macht. Bei “The Unclouding of Otilla Vanilla” des Duos HeyBobby! ist der Begriff jedoch völlig gerechtfertigt. Gina Del Vecchio und Bobby Peek haben kein Album gemacht. Sie haben eine Welt gebaut.
Der Ausgangspunkt ist eine Rockoper in zwölf Teilen, die die Geschichte von Otilla Vanilla erzählt, einer jungen Sängerin auf der Suche nach sich selbst, die unter den Einfluss von Vivienne St. Clair gerät, einer magnetischen, aber gefährlichen Musikpromoterin, bekannt als ‘Big Shooter’. Was folgt, lässt sich am besten als ein Sturz in Zeitlupe beschreiben, schön anzusehen und schmerzhaft zu fühlen. Die Einflüsse des Duos sind klar hörbar: die theatralische Kühnheit von David Bowie bei Del Vecchio, das melodische Gespür der Beatles bei Bobby Peek. Doch es klingt nie wie eine Nachahmung.
Die Produktion trägt die Geschichte auf eine Weise, die sofort auffällt. Alles ist präzise, geschichtet und durchdacht, ohne die organische Energie der Musik zu ersticken. Denn das ist das Bemerkenswerte an diesem Album: Es ist gleichzeitig sorgfältig und roh. In einem Moment bewegt es sich entschieden in Richtung symphonischer Rock mit vollen, cineastischen Arrangements, im nächsten taucht es in Grunge mit rauen Gitarren und einer Produktion, die weiß, wann sie sich zurücknehmen muss. Diese Vielfalt ist beträchtlich, aber nie desorientierend. Sie wirkt durchdacht.
Im Zentrum steht die Stimme von Gina Del Vecchio, und die verdient besondere Aufmerksamkeit. Sie ist klar und kraftvoll, wenn es nötig ist, sanft und zurückhaltend, wenn sie es sein kann, und sie weiß genau, wo diese Grenze liegt. In “Function of Friction”, wo ein präzise gespielter Bass die schwelende Spannung zwischen Otilla und ihrem Mentor einfängt, schneidet ihre Stimme durch das Arrangement wie etwas, das längst hätte gesagt werden sollen. In “Melt My Chains” macht sie das Gegenteil: Sie lässt los, zieht sich zurück und zieht den Hörer dadurch näher heran.
“Soft Time of Night” ist der Moment, in dem das Album am meisten überrascht. Der Rock verschwindet vollständig, die Instrumentierung wird reduziert, und was bleibt, erinnert an einen späten Abend in einem kleinen Jazzcafé, Tischlampen an, niemand sonst da. Der Kontrast zum Rest der Platte ist groß, aber die Platzierung wirkt innerhalb der Geschichte vollkommen logisch. Diese Art von dramaturgischem Gespür, zu wissen, wann man leise sein muss, hebt HeyBobby! von vielen Zeitgenossen ab.
Nach dem emotionalen Höhepunkt von “Broken” und der rohen Energie von “So In Your Corner” entscheidet sich das Album bewusst dagegen, mit einem Knall zu enden. “Ya Leave Me New” und “Everything” klingen allmählich aus, wie zwei Stücke, die Otillas Geschichte sanft zur Ruhe legen, anstatt sie abrupt zu beenden. Das ist eine kluge Entscheidung, die mehr mit Theater als mit einer durchschnittlichen Rockplatte gemein hat.
Es gibt Vorbehalte. Die stilistischen Sprünge sind so groß, dass ein Hörer, der sich nicht vollständig auf den erzählerischen Rahmen einlassen möchte, gelegentlich das Gefühl haben könnte, zwei verschiedene Bands zu hören. Und das multimediale Projekt darum herum, mit Videoepisoden und einer ausgearbeiteten visuellen Welt, ist so umfassend, dass die Musik manchmal Gefahr läuft, vom größeren Ganzen verschluckt zu werden. Das wäre schade, denn die Platte steht für sich allein.
“The Unclouding of Otilla Vanilla” ist die Art von Debüt, die man nicht so schnell vergisst. Nicht weil es perfekt ist, sondern weil es für etwas steht. Und dieses Ausrufezeichen hinter dem Namen HeyBobby!, nach dem Hören dieses Albums, versteht man vollkommen. (8/10) (HB! Records)

