Steve Stachini – Unconventional
Steve Stachini erreicht sein Debütalbum nicht über die üblichen Wege musikalischer Industrieambitionen, sondern durch einen Akt persönlicher Notwendigkeit. Als konzeptueller Musiker in der Tradition von Malcolm McLaren verbrachte Stachini fünf Jahre damit, “Unconventional” als klanglichen Begleiter seiner Autobiografie von 2020 zu erschaffen und jede Textzeile aus Gedichten zu entnehmen, die er in seiner Jugend als Bewältigungsstrategie gegen Missbrauch in der Kindheit verfasst hatte. Das Album wird unter dem Banner von NAR aufgeführt und aufgenommen, was für Naked And Raw steht, einen Namen, der keinerlei Zweifel an der künstlerischen Absicht lässt. Dies ist ein Album, das konfrontieren soll, letztlich aber eines, das befreien soll.
Was “Unconventional” sofort von einem durchschnittlichen unabhängigen Konzeptalbum unterscheidet, ist seine zweisprachige Architektur. Stachini verwebt Englisch und Französisch über die gesamte Titelliste hinweg auf überlegte und nicht willkürliche Weise. Diese Entscheidung besitzt eine echte künstlerische Logik: Französisch bringt ein besonderes emotionales Register mit sich, zugleich intim und theatralisch, das Englisch allein nicht immer erreichen kann. Im Kontext eines Albums, das Trauma, Entwurzelung und das zerrissene Innenleben eines Kindes auf dem Weg ins junge Erwachsenenalter erforscht, fungieren die Sprachwechsel als tonale Signale, die Übergänge innerhalb der psychologischen Reise markieren.
Musikalisch ist “Unconventional” ein außergewöhnlich breites Abenteuer. Das Album ist in erster Linie im symphonischen Metal verwurzelt und bewegt sich in diesem Bereich mit echter Überzeugung. Die orchestralen Arrangements verleihen den intensiveren Passagen Gewicht und erhöhen die emotionale Wirkung, ohne ins Melodramatische zu kippen. Stücke wie “Coma 18” und “Cruel Love” zeigen die Fähigkeit der Band, Spannung durch vielschichtige Instrumentierung aufzubauen. Neben diesem schwereren Fundament integriert das Album Adult Oriented Rock reinen Pop sowie sogar Soul, Jazz und Hip-Hop in “Something In The Air”, einen kühnen Umweg, der im konzeptuellen Rahmen wie ein Moment psychologischer Desorientierung wirkt. Doch Stachini hört dort nicht auf. “Key Two 3” zeigt, dass er bereit ist, sich auch in Ska zu wagen und dessen Leichtigkeit mit einer Sicherheit zu behandeln, die überraschend gut in das Gesamtbild passt. Gleichzeitig bewegt sich “TIME EP” noch weiter in Richtung Reggae. Das sind Entscheidungen, die ein weniger selbstsicherer Künstler nicht wagen würde. Stachini setzt sie als bewusste Pinselstriche in einem größeren Gemälde ein. Reiner Pop taucht im Laufe des Albums regelmäßig auf, zugänglich und direkt, und verleiht dem Album eine demokratische Qualität, die sein schweres Thema niemals verrät, es aber erträglicher macht.
Das Ansehen der begleitenden Videoclips fügt eine Dimension hinzu, die das bloße Hören nicht vollständig vermitteln kann. Stachini produzierte zu jedem Titel ein visuelles Gegenstück, und gemeinsam erzählen sie seine Geschichte mit einer Klarheit und Unmittelbarkeit, die das musikalische Erlebnis erheblich vertieft. Wer das gesamte Album sowohl über Klang als auch über Bild erlebt, wird den Schmerz spüren, aber auch das Wachstum sehen, vom überlebenden Kind über den jungen Mann, der seine Emotionen in Poesie kanalisiert, bis hin zum Erwachsenen, der den Mut findet, seine Geschichte zu erzählen und daraus etwas zu destillieren, das künstlerischer Freiheit ähnelt. Die Angst und Enge einer von Missbrauch geprägten Kindheit weichen Titel für Titel und Clip für Clip etwas, das wie hart erkämpfte Befreiung wirkt. Es fühlt sich nicht gespielt oder zu sauber aufgelöst an. Es fühlt sich verdient an.
Mit neunzehn Titeln ist “Unconventional” eine anspruchsvolle Hörerfahrung, und es gibt Momente, in denen das Ausmaß der Ambition die Umsetzung leicht übersteigt. Einige Produktionsentscheidungen entsprechen nicht vollständig der Größe der orchestralen Konzeption, und das sind die natürlichen Spannungen eines unabhängigen Projekts, das über fünf Jahre hinweg mühsam außerhalb des großen Studiosystems aufgebaut wurde.
Unbestreitbar bleibt jedoch die Kohärenz und Ernsthaftigkeit der Absicht hinter “Unconventional”. Stachini hat ein echtes Konzeptalbum im vollsten Sinne des Wortes geschaffen. Für Hörer, die bereit sind, ihm die Aufmerksamkeit zu schenken, die es verlangt, und besonders für diejenigen, die die visuelle Dimension parallel zur Musik einbeziehen, belohnt dieses Album diese Investition mit etwas Seltenem: dem Porträt eines zurückeroberten Lebens. Wie das Album selbst am Ende feststellt, in einer Zeile, die sich ohne Zögern an den Hörer richtet: ‘This album will blow your fucking mind.’ Es ist kein leeres Versprechen. (8/10) (Naked And Raw)

