Nick Hakim – I Can See
Nick Hakim hat sich in den vergangenen Jahren zu einer der charakteristischsten Stimmen innerhalb des modernen Alternative Soul entwickelt. Der in Washington D.C. geborene Musiker ist bekannt für seine warmen, manchmal verträumten Produktionen, in denen Einflüsse aus Soul, Jazz, Psychedelia und Indie zusammenkommen. Seit seinem Durchbruch mit “Green Twins” aus dem Jahr 2017 hat Hakim seinen eigenen Klang aufgebaut, in dem Verletzlichkeit und Experimentierfreude Hand in Hand gehen. Mit “I Can See” kehrt er mit einem Album zurück, das erneut um Emotion, Atmosphäre und die Kraft minimalistischer Arrangements kreist.
Während viele zeitgenössische R&B-Produktionen auf direkte Wirkung ausgerichtet sind, entscheidet sich Hakim für einen geduldigeren Ansatz. “I Can See” entwickelt sich langsam und gibt dem Hörer Raum, die verschiedenen Ebenen der Musik zu entdecken. Seine Stimme bleibt das wichtigste Instrument, wird jedoch von warmen Gitarren, subtilen Tasteninstrumenten und Produktionen umgeben, die oft einen beinahe filmischen Charakter besitzen.
Der Eröffnungstitel “I Don’t Know” setzt sofort den Ton für das Album. Hakim singt mit seiner charakteristisch zerbrechlichen Stimme, wobei jeder Satz beinahe so klingt, als würde er im selben Moment entstehen. Die Produktion bleibt zurückhaltend und lässt vor allem die emotionale Wirkung des Songs sprechen. Es ist ein Ansatz, der sich durch das gesamte Album zieht.
“Conversations” gehört zu den erfolgreichsten Songs des Albums. Hier kommen die verschiedenen Seiten von Hakims Musik zusammen: der soulvolle Gesang, die experimentelle Produktion und die melancholische Atmosphäre. Der Song zeigt, warum er häufig als Künstler gesehen wird, der traditionellen Soul neu interpretiert, ohne dessen Grundlage aus den Augen zu verlieren.
Auch “I Can See” zeigt die Kraft der Einfachheit. Der Titelsong arbeitet nicht mit großen musikalischen Gesten, sondern mit kleinen Verschiebungen in Rhythmus und Melodie. Hakim vertraut darauf, dass eine subtile Darbietung ausreichen kann, um einen emotionalen Eindruck zu hinterlassen.
Der Einfluss des Jazz ist an verschiedenen Stellen deutlich hörbar. Nicht durch komplexe Strukturen oder virtuose Passagen, sondern durch die Freiheit, mit der musikalische Ideen behandelt werden. Die Songs wirken manchmal, als würden sie atmen, mit Raum für Improvisation und unerwartete Details.
Dennoch wird nicht jeder Hörer sofort von diesem Ansatz überzeugt sein. “I Can See” ist kein Album, das sich leicht in einige auffällige Singles zusammenfassen lässt. Manche Songs bewegen sich langsam und verlangen Geduld. Wer nach einem energiegeladenen R&B-Album mit klaren Refrains sucht, kann den zurückhaltenden Stil als distanziert empfinden.
Genau darin liegt jedoch die Stärke von Nick Hakim. Er macht Musik, die nicht um Geschwindigkeit geht, sondern um Gefühl und Atmosphäre. “I Can See” ist ein Album, das mit mehreren Hördurchgängen wächst und immer mehr Details preisgibt.
Mit “I Can See” bestätigt Nick Hakim seine Position als eine der interessantesten Stimmen innerhalb des zeitgenössischen Soul. Das Album ist warm, persönlich und musikalisch sorgfältig aufgebaut. Er wählt erneut seinen eigenen Weg und zeigt, dass weniger manchmal tatsächlich mehr sein kann. (8/10) (A-Wax)

