Melanie Martinez – HADES
Die Figur Crybaby der Sängerin Melanie Martinez ist tot. Mit der Veröffentlichung eines neuen Albums tritt in ihrem Universum traditionell auch eine neue Figur auf. Mit ihrem neuen Album “HADES” stellt sie die Figur Circle vor. Ein künstlich erschaffener Popstar, entwickelt von Hades Tech. Die Figur wird aus einer Sekte herausgeholt und in eine von KI gesteuerte Gesellschaft versetzt. Hades Tech lädt alle Obszönitäten dieser Welt in ihr System. Das Ergebnis ist ein Popstar, der Empörung und Chaos auslöst.
Für einen durchschnittlichen Hörer mag diese Geschichte ungeordnet klingen. Genau so lässt sich das Album auch perfekt beschreiben. “THE PLAGUE” klingt fast wie ein House-Track, während “WHITE BOY WITH A GUN” an einen Song von Lana Del Rey erinnert. Die Absicht scheint zu sein, das Leben von Circle in den achtzehn Tracks des Albums zusammenzufassen. Genau hier liegt jedoch das Problem. Das Album ist nicht schlüssig. Es soll eine Geschichte erzählen, doch es fehlt an Zusammenhalt, was besonders auffällt, wenn man die Hintergrundgeschichte von Circle nicht kennt.
Während Melanie Martinez als Künstlerin wächst, scheint ihre Musik für ein breiteres Publikum im Laufe der Jahre weniger zugänglich zu werden. Dieser Wandel wirkt sich offenbar auf die lyrische und musikalische Qualität aus. Die Texte wirken gezwungen und es fehlt an echter Tiefe. Das ist umso auffälliger, da Themen wie finanzielle Ungleichheit und unrealistische Schönheitsideale eigentlich danach verlangen würden. Mit “HADES” scheint Melanie Martinez ihr Ziel zu verfehlen.
Dennoch ist das Album nicht durchweg schlecht. “WEIGHT WATCHERS” erzeugt mit Soundeffekten, direkten Texten und einer beinahe unheimlichen Melodie auf die bestmögliche Weise ein echtes Gefühl von Unbehagen. Genau das ist es, was Melanie Martinez am besten kann. Sie zwingt einen, sich der Realität zu stellen, auch wenn es unangenehm ist. Der Pre-Chorus in “THE VATICAN” ist eingängig und angenehm radikal. “THE LAST TWO PEOPLE ON EARTH” ist ein wunderschöner Abschluss, der die Geschichte abrundet. Ein echter Kreis. “CHATROOM” durchbricht vorsichtig die vierte Wand durch Sprachaufnahmen in einem Gespräch und erinnert an den Stil, den man von Melanie Martinez kennt. Der Stil, der sie dorthin gebracht hat, wo sie heute in ihrer Karriere steht.
Seit ihrem Auftritt bei The Voice ist Melanie Martinez eindeutig eine experimentelle Künstlerin. Mit “HADES” schlägt sie einen neuen Weg ein und setzt ihre Experimente fort. Das Risiko von Experimenten besteht jedoch darin, dass sie scheitern können. “HADES” ist sicherlich kein schlechtes Album, aber es ist nichts, das man einfach so auflegt, um es entspannt zu genießen. Das war auch nie die Absicht. Fans von Melanie Martinez, die mit dem Hintergrund ihrer Figuren vertraut sind und ihren besonderen Stil schätzen, werden daran zweifellos Gefallen finden. (6/10) (Warner)

