Übersicht über die Albumrezensionen: Benjamin Herman, Robyn und mehr

Jede Woche treffen Dutzende neuer Alben in der Redaktion von Maxazine ein. Viel zu viele, um sie alle anzuhören, geschweige denn zu rezensieren. Eine Rezension jeden Tag bedeutet, dass zu viele Alben zurückbleiben. Und das ist eine Schande. Deshalb veröffentlichen wir heute eine Übersicht der Alben, die in Kurzrezensionen in der Redaktion eintreffen.

Foto (c) Jorge Fakhouri Filho

Snail Mail – Ricochet

Fünf Jahre nach “Valentine” kehrt Lindsey Jordan als Snail Mail mit “Ricochet” zurück, ihrem dritten Studioalbum auf dem Label Matador. In den vergangenen Jahren unterzog sie sich einer Operation an den Stimmbändern, zog von New York nach North Carolina und gab ihr Schauspieldebüt. Diese Erfahrungen spiegeln sich in einem Album wider, das sich weniger um gebrochene Herzen dreht und mehr um große Fragen: Sterblichkeit, Entfremdung und die Unvermeidlichkeit von Veränderung. Der Opener “Tractor Beam” zeigt ihre neue, breitere Stimme, kraftvoll und vielschichtig dank warmer Streicher. In “My Maker” fantasieren sie von einer Flucht in den Himmel, während “Dead End” mit twangiger Gitarre und einem knisternden Punkteil in der Bridge auf die Jugendjahre zurückblickt. Der Titelsong “Ricochet” findet eine seltsame Ruhe im Nihilismus. Gemeinsam mit Produzent Aron Kobayashi-Ritch hat Jordan einen vielschichtigen, introspektiven Sound geschaffen, der größer wirkt als ihre bisherigen Arbeiten, auch wenn ihm nicht immer die Dringlichkeit gelingt. “Ricochet” ist ein Schritt in die richtige Richtung für ein Generationstalent. (Anton Dupont) (7/10) (Matador)

Daniel Rotem – Solo II – Under Construction At Bluewhale

Herbie Hancock, Wayne Shorter, Billy Childs, Dianne Reeves, Stevie Wonder, Terri Lyne Carrington. Die Liste der großen Referenzen ist nahezu endlos, wenn man den Lebenslauf des Komponisten und Saxofonisten Daniel Rotem betrachtet. Darüber hinaus hat Rotem mehrere Soloalben veröffentlicht. Dieses “Solo II” ist die Fortsetzung von “Solo” aus dem Jahr 2020, wobei der Untertitel auf den Aufnahmeort Bluewhale in Los Angeles verweist. Die Kompositionen wirken tatsächlich wie “under construction”: Momentaufnahmen, als müssten die Stücke noch gründlich überarbeitet werden. Keine festen Formen, sondern Experimente mit Timing und Klangfarbe, ausschließlich mit dem Klang des Saxofons. Rotem balanciert ständig zwischen ausgearbeiteten Ideen und spontanen Eingebungen. Die Musik wird intensiv. Auch intensiv anstrengend. Es ist ein völlig abstrakter Ansatz, bei dem dem Hörer keinerlei Halt geboten wird. Rotems Spiel reicht von flüsterleisen Passagen bis zu lauten, expressiven Ausbrüchen, ohne dass man als Zuhörer auch nur einen Moment vorhersehen kann, wohin die Reise geht. Mit diesem Album geht Rotem ein großes Risiko ein. Zugegeben, er kann es sich leisten. Ob sein Publikum das genauso sieht, bleibt die Frage. (Jeroen Mulder) (5/10) (Daniel Rotem)

Robyn – Sexistential

Nach acht Jahren Stille kehrt Robyn mit ihrem neunten Studioalbum “Sexistential” zurück, veröffentlicht über Konichiwa Records und Young. Während “Honey” aus dem Jahr 2018 noch auf dunklen Dance Grooves schwebte, setzt sie nun auf den ansteckenden Elektropop, der ihren großen Durchbruch mit der “Body Talk” Trilogie markierte. Gemeinsam mit Produzent Klas Åhlund, der auch hinter dieser Trilogie stand, schrieb sie neun Songs, die sinnliche Energie in pure tanzbare Freude verwandeln. Die erste Single “Dopamine” baut sich schleichend auf, bevor sie explodiert, während “Talk To Me”, erstmals seit 2010 mit Max Martin geschrieben, wie ein unwiderstehlicher Prince Groove in einem hellen skandinavischen Gewand klingt. Der Titelsong “Sexistential” ist ein humorvoller Rap über ihre IVF Reise als alleinerziehende Mutter, genau überdreht genug, um zu faszinieren. Das Album endet mit dem melancholischen “Into The Sun”, das die Suche abschließt und dennoch offen lässt. “Sexistential” beweist, dass Robyn schärfer, verspielter und persönlicher denn je ist. (William Brown) (8/10) (Konichiwa Records / Young)

Tony Ann – Synergy

Tony Ann ist einer der bekanntesten Pianisten der Welt: Er hat mehr als 1 Milliarde Videoaufrufe, 300 Millionen Streams und 7 Millionen Follower. Auch jüngere Generationen schätzen seine einzigartige Mischung aus neoklassischer und populärer Musik. Für das Album “Synergy” arbeitete er mit Arkai zusammen. Dieses genreübergreifende elektroakustische Duo besteht aus dem Cellisten Philip Sheegog und dem Geiger Jonathan Miron. Die besonderen Stile dieser drei Musiker ergänzen sich perfekt. Tonys Klavierspiel reicht von funkelnd bis minimalistisch und schwer und alles dazwischen. Er versteht es stets, mich zu berühren, wunderbar ergänzt durch Arkai. Jeder Track ist anders und trägt eine eigene Emotion. Die neun Stücke enthalten feine Details, Wechsel zwischen pianissimo (sehr leise) und stark (laut) sowie zwischen hohen und tiefen Lagen. Alles bildet eine sublime Harmonie, wodurch die Musik zu einem intensiven Erlebnis wird. Es ist herrlich, mit Kopfhörern ganz in die eigene Welt einzutauchen. Ebenso beeindruckend ist es, das Wohnzimmer über Lautsprecher mit den wunderschönen Kompositionen von “Synergy” zu füllen. (Esther Kessel-Tamerus) (9/10) (Universal Music)

Benjamin Herman – The Tokyo Sessions

Benjamin Herman steht seit drei Jahrzehnten an der Spitze des Jazz und überschreitet dabei regelmäßig die Grenzen des Genres, unter anderem mit dem Ensemble New Cool Collective. Zudem überschreitet er diese Grenzen auch im wörtlichen Sinne. 2025 führte ihn die Reise nach Japan, wovon “The Tokyo Sessions” Zeugnis ablegt. Herman bleibt sich treu mit einem sofort erkennbaren, freien und sogar verspielten Stil. Dennoch klingt das Altsaxofon auf diesem Album etwas zurückhaltender, als müsste es sich stärker in das Gesamtbild einfügen. Das ist typisch für den japanischen Jazz, bei dem Zuhören und diszipliniertes Raumgeben im Mittelpunkt stehen. Herman passt sich dieser Umgebung hervorragend an, das muss gesagt werden. Dennoch wirkt sein Spiel etwas nüchterner als gewohnt. Der charakteristische Klang seines Altsaxofons bleibt erhalten, mit “NFRS” und dem großartigen Groove in “YAMAN” als Höhepunkten. “The Tokyo Sessions” ist daher kein großes Statement. Es fehlt etwas an Glanz und wirkt leicht zu stark gelenkt, genau jene Elemente, die normalerweise die Handschrift von Benjamin Herman ausmachen. Die Eleganz, mit der er sich den Gepflogenheiten des stark stilisierten japanischen Jazz anpasst, rettet das Album. (Jeroen Mulder) (7/10) (Roach Records / Dox Records)

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