Übersicht über die Albumrezensionen: Robin Berlijn, The Hara und mehr
Jede Woche treffen Dutzende neuer Alben in der Redaktion von Maxazine ein. Viel zu viele, um sie alle anzuhören, geschweige denn zu rezensieren. Eine Rezension jeden Tag bedeutet, dass zu viele Alben zurückbleiben. Und das ist eine Schande. Deshalb veröffentlichen wir heute eine Übersicht der Alben, die in Kurzrezensionen in der Redaktion eintreffen.
The Hara – The Fallout
Metalcore erlebt in letzter Zeit einen enormen Popularitätsanstieg. Man muss nur Electric Callboy ansehen, die problemlos große Hallen füllen. The Hara ist eine britische Band, die noch nicht lange existiert. 2022 veröffentlichten sie ihr erstes Album und mit diesem dritten, “The Fallout”, liefern sie laut eigener Aussage ihr persönlichstes Werk. Sänger Josh Taylor, der auch für das Songwriting verantwortlich ist, fällt es im Alltag manchmal schwer zu kommunizieren, was ihm durch Musik besser gelingt. “The Fallout” handelt hauptsächlich von der Musikindustrie. Sie gibt mit der einen Hand und nimmt mit der anderen, wodurch ständig das Gefühl entsteht, Höchstleistungen erbringen zu müssen, was mental belastend sein kann. “The Fallout” bringt Metalcore mit Pop-Punk-Einflüssen und einem Hauch Prog. Das Genre ist inzwischen durch zahllose Bands stark vertreten, wodurch es schwer wird herauszustechen. The Hara sind noch jung und klar bereit für ein Abenteuer in der Musikwelt. Ihre eigene Identität kommt durch und das reicht oft, um sich von anderen Veröffentlichungen abzuheben. (Rik Moors) (7/10) (Mascot Records)
Tusmørke – Balderdom
“Balderdom” ist das 13. Album von Tusmørke. Wenn man von dieser norwegischen Progrock-Band eines erwarten kann, dann dass man nie weiß, was einen erwartet. Die Musik enthält unerwartete Wendungen und besondere Wechsel zwischen Rhythmus und Melodie. Der Klang atmet eine Retro-Atmosphäre. Das gilt auch für “Balderdom”, obwohl der Sound dumpfer ist als erwartet. Die geschichteten Vocals sind manchmal wortlos. Gesangsteile wechseln sich mit langen Instrumentalpassagen ab. Die komplexen, aber relativ zugänglichen Songs enthalten zahlreiche Details und Jazz-Einflüsse. In “Rerun of Forever (Stravinsky)” prasselt zeitweise viel auf einen ein. Einige Stücke haben am Ende ein paar leere Sekunden, während “Vi er et kollektiv” seltsam abrupt endet. “Lidskjalv” ist ein gut aufgebautes Epos von über 21 Minuten. Der Klang bleibt etwas dumpf, die scharfen hohen Flötentöne sorgen für ein merkwürdiges Ungleichgewicht. Weil der Sound stärker retro ist als sonst, kommen die Kontraste und Schichten in Gesang und Musik diesmal weniger gut zur Geltung, wodurch die Harmonie gestört wird. Schade, denn “Balderdom” ist für Liebhaber komplexen Progs gemacht. (Esther Kessel) (6/10) (Karisma Records)
Fabio de Almeida – Requiem for a Dragon
Der portugiesische Saxofonist Fabio de Almeida lebt und arbeitet seit einiger Zeit in Tilburg (Niederlande). Dagegen ist nichts einzuwenden, aber es gibt wohl inspirierendere Orte. Vielleicht hat das die Entscheidung beeinflusst, ein Requiem zu komponieren, eine Messe für Verstorbene. Das bekannteste Werk dieses Genres ist Mozarts Requiem, und dieses “Requiem for a Dragon” weist deutliche Verwandtschaft auf. Der Ton ist oft dunkel und getragen. Das Feuer im Drachen, Symbol für Stärke und Metapher für die eigene innere Kraft, ist erloschen. De Almeida flüstert beinahe auf seinem Instrument, in reduzierten Arrangements oft nur mit Schlagzeug, Bass und Klavier. Beeindruckend ist, wie der Komponist Emotion und Melancholie einfängt, ohne dass die Stücke unter dem Gewicht des Themas zusammenbrechen. Das liegt an der Dynamik, die De Almeida einbringt, auch und besonders in seinem eigenen Spiel. Der Opener “Mark of the Wanderer”, vor allem aber “Forever until it lasts”, sind gute Beispiele. De Almeida lässt sein Instrument wirklich erzählen, manchmal in nur wenigen Tönen. Tilburg erweist sich als fruchtbarer Boden für schönen, filmischen Jazz. (Jeroen Mulder) (8/10) (Dox Records)
Wolverine – Anomalies
Mehr als zehn Jahre mussten wir auf das sechste Album der schwedischen Progrock-Band Wolverine warten. In den Anfangstagen spielte Wolverine noch progressiven Metal mit Death-Einflüssen. Davon ist heute nichts mehr zu hören. Der Schwerpunkt liegt nun auf Atmosphäre und Melancholie, vergleichbar mit Anathema, Steven Wilson und den Landsleuten Katatonia. Die Texte behandeln Themen wie Altern, Identität und existenzielle Reflexion. Alle Bandmitglieder wissen genau, was sie tun, aber Sänger Stefan Zell möchte ich besonders erwähnen. Sein Gesang ist ausdrucksstark und zugleich zerbrechlich und kraftvoll. Die Musik von “Anomalies” ist sicher kein Easy Listening. Selbst nach mehreren Durchläufen bin ich noch damit beschäftigt, alles einzuordnen und zu verarbeiten. Ich bin überzeugt, dass “Anomalies” eines der besten Alben des Jahres 2026 in diesem Genre sein wird. (Ad Keepers) (8/10) (Music Theories Records)
Robin Berlijn – Carcassettes Vol 6
Dreißig Jahre später taucht ein fehlendes Bindeglied in der Karriere von Robin Berlijn auf. Diese Kassette von 1996, erst jetzt durch die remasterte Carcassettes-Reihe breit verfügbar, zeigt den 25-jährigen Gitarristen vor Fatal Flowers, Kane und all den anderen Stationen. Was für eine charmante Zeitkapsel. “Kind In Tuin” eröffnet mit unverkennbarem Sixties-Schwung, der ebenso gut auf einem Album von Ellen ten Damme hätte stehen können. Die einfache Aufnahme und elementare Produktion, dem Carcassettes-Konzept inhärent, mindern die Qualität nicht. Im Gegenteil, sie verleihen den Songs eine rohe Authentizität. Bei “Hut” stockt kurz das Herz: Zeppelin? Nein, aber das Intro spielt verführerisch mit dieser Erwartung. Der faszinierendste Track ist “De Zachte G”, eine Urversion der Amsterdamer Gitarrenschule, in der noch die Wurzeln der Hausbesetzerszene klappern. Hier steckt die DNA eines ganzen musikalischen Ökosystems in vier Minuten. Für alle, die Berlijns späteres Werk kennen, ist dieses Album unverzichtbar, es zeigt, wo alles begann. Ein sympathisches Projekt, das mehr über die Entwicklung eines Gitarristen erzählt als so manch poliertes Studioalbum. (Jan Vranken) (8/10) (Carcassettes)






