Perlen der Popmusik: Die Geschichte hinter Vanilla Ice – “Ice Ice Baby”
Zwei Noten. Mehr brauchte es nicht. Die Bassschleife, die im September 1990 aus jedem Radio erklang, dauerte weniger als eine Sekunde, war aber für jeden, der sie je gehört hatte, sofort wiedererkennbar. “Ice Ice Baby” von Vanilla Ice war kein langsamer Durchbruch, kein schleichender Erfolg. Der Song explodierte in den Charts, eroberte in rascher Folge Platz eins in einem Dutzend Laendern und schrieb Geschichte als die erste Hip-Hop-Single, die jemals die amerikanische Billboard Hot 100 anfuehrte. Dass die Bassschleife von Queen und David Bowie geliehen war, dass der Kuenstler hinter der Platte seine eigene Biografie aufpoliert hatte und dass die Kritik ihn von Anfang an skeptisch betrachtete: All das spielte im Herbst 1990 keine Rolle. Der Sound hatte gesprochen.
Vanilla Ice
Robert Matthew Van Winkle wurde am 31. Oktober 1967 in Dallas, Texas, geboren, wuchs jedoch in den Vororten von Miami, Florida, auf. Er gilt als der erste weisse Solo-Kuenstler, der in der Hip-Hop-Welt kommerziellen Erfolg erzielte, und ebnete damit den Weg fuer spaetere weisse Rapper. Sein Kuenstlername entstand organisch auf der Strasse: Freunde nannten ihn ‘MC Vanilla’ wegen seiner Reimkuenste, und als er einer Breakdance-Gruppe beitrat, verband er diesen Spitznamen mit einem seiner Lieblingsmoves, ‘The Ice’.
Van Winkle wuchs in einem Umfeld auf, das ihn zwei musikalische Welten aussetzte, die die meisten Menschen als völlig getrennt betrachteten. Sein Bruder hoerte Rock and Roll, waehrend er selbst von Funk und Hip-Hop fasziniert war. Diese Kombination von Einfluessen sollte sich später als prägend für seinen Sound erweisen. Miami war in jenen Jahren auch die Wiege eines eigenen Sounds, des sogenannten Miami Bass: basslastig, tanzbar und durchdrungen von der Energie einer Stadt, die nie zu schlafen schien. Entdeckt wurde er von Tommy Quon, dem Besitzer des Nachtclubs City Lights in Dallas, der ihn mit Club-DJ Earthquake zusammenbrachte und die ersten Schritte in Richtung einer ernsthaften Plattenkarriere unternahm.
Ice Ice Baby
Van Winkle behauptete, “Ice Ice Baby” im Alter von sechzehn Jahren geschrieben zu haben, und stuetzte sich dabei auf seine Erfahrungen in Suedost-Florida. Der Track landete zunaechst auf der B-Seite einer Veroeffentlichung, deren A-Seite ein Cover von “Play That Funky Music” der Disco-Band Wild Cherry war. Tommy Quon schickte die Single persoenlich an Radiostationen im ganzen Land, doch der Track wurde kaum gespielt und schlug nicht an. Das aenderte sich durch die Entscheidung eines einzigen DJs: Als David Morales in einer Radiostation in Georgia die B-Seite statt der A-Seite spielte, gewann der Song rasch Anhaenger, und andere Stationen folgten.
Der Kern des Tracks, diese ikonische Bassschleife, war einem anderen legendaeren Song entlehnt. Er sampelt die Bassline von “Under Pressure” aus dem Jahr 1981 von Queen und David Bowie, die zunaechst weder Anerkennung noch Tantiemen fuer das Sample erhielten. Nachdem Vertreter von Queen und Bowie mit einer Klage wegen Urheberrechtsverletzung gedroht hatten, wurde die Angelegenheit aussergerichtlich geregelt, und Van Winkle musste eine finanzielle Entschädigung zahlen. Bowie und alle Mitglieder von Queen erhielten auch eine Nennung als Songschreiber.
Der kommerzielle Erfolg von “Ice Ice Baby” war beispiellos. Es war die erste Hip-Hop-Single, die jemals die amerikanische Billboard Hot 100 anfuehrte. Der Erfolg blieb nicht auf Amerika beschränkt: Der Song führte auch die Charts in Australien, Belgien, Deutschland, Irland, den Niederlanden, Neuseeland und dem Vereinigten Königreich an. Der Zeitgeist war reif dafür. 1990 war das Jahr, in dem Hip-Hop endgueltig in den Mainstream durchbrach, mit MC Hammer neben Vanilla Ice als grossem Katalysator. Sein Tanzhit “U Can’t Touch This” brachte Hip-Hop massenhaft in die Wohnzimmer. Vanilla Ice und MC Hammer teilten diesen Raum, bedienten aber jeweils ein etwas anderes Publikum: Hammer war flamboyant und tanzorientiert, waehrend Vanilla Ice sich eher als echter Strassen-Rapper positionierte, auch wenn diese Authentizitaet spaeter ernsthaft in Frage gestellt wurde. Das Musikvideo zu “Ice Ice Baby”, auf dem Dach eines Lagerhauses in Dallas für ein Budget von nur 8.000 Dollar gedreht, lief in starker Rotation auf dem Musiksender The Box und weckte großes öffentliches Interesse.
Jedward
Die Stärke eines Songs zeigt sich auch daran, was andere Künstler daraus machen. “Ice Ice Baby” hat im Laufe der Jahre verschiedene Neuinterpretationen erhalten, aber die bemerkenswerteste kam 2010 von den irischen Zwillingsbuedern John und Edward Grimes, besser bekannt als Jedward. Das Duo, das durch The X Factor bekannt geworden war, erstellte einen Mash-up mit der urspruenglichen Inspirationsquelle des Songs. Ihre Version mit dem Titel “Under Pressure (Ice Ice Baby)” kombinierte Elemente sowohl des Queen/Bowie-Originals als auch des Vanilla-Ice-Hits, mit Van Winkle selbst als Gastkuenstler. Die Single erreichte in Irland Platz eins und im Vereinigten Koenigreich Platz zwei, ein bemerkenswertes Comeback fuer einen Song, dessen Glanzzeiten zwanzig Jahre zuvor bereits vorbei zu sein schienen.
To the Extreme
“Ice Ice Baby” erschien auf Vanilla Ices Debütalbum “To the Extreme”, das am 10. September 1990 über SBK Records und EMI Records veröffentlicht wurde. Das Album stand sechzehn Wochen hintereinander an der Spitze der amerikanischen Billboard 200 und wurde siebenfach mit Platin ausgezeichnet. Damit war es seinerzeit das meistverkaufte Hip-Hop-Album aller Zeiten. 1990 unterschrieb Vanilla Ice bei SBK Records, die ein zuvor unabhaengig veroeffentlichtes Album mit neuem Artwork und neuer Musik neu herausbrachten. Das Label zahlte dafür 325.000 Dollar. Bis Januar 1991 war es das am schnellsten verkaufte Album seit Prince’s “Purple Rain” aus dem Jahr 1984, mit sechs Millionen verkauften Exemplaren in nur drei Monaten. Die Kritiken waren gemischt: Einige Rezensenten lobten seine Energie und sein Showtalent, andere fanden die Texte oberflaechlich. Die Kaeufer liessen sich davon in keiner Weise abbringen.
Play That Funky Music
Die Single, die urspruenglich als Durchbruch gedacht war, wurde letztendlich zum Nachfolger. Nach dem Erfolg von “Ice Ice Baby” wurde “Play That Funky Music” als eigenstaendige Single mit neuen Texten und einem neu abgemischten Schlagzeug-Track wiederveroeffentlicht. Das Cover des Wild-Cherry-Songs aus dem Jahr 1976 war bei seiner ersten Veroeffentlichung weitgehend unbeachtet geblieben, profitierte nun aber vom Sog seines Vorgaengers und erreichte Platz vier der amerikanischen Billboard Hot 100 und Platz zehn im Vereinigten Koenigreich. Rob Parissi, der Autor des urspruenglichen Wild-Cherry-Songs, reichte eine Klage wegen fehlender Anerkennung seines Beitrags ein und erhielt schliesslich mehr als 500.000 Dollar an Tantiemen. Der Song bewies, dass Vanilla Ice mehr als ein Ein-Hit-Wunder war: zwei grosse Hits in rascher Folge, eine ausverkaufte Welttournee als Vorband von MC Hammer, und ein unerwarteter Gastauftritt im Spielfilm “Teenage Mutant Ninja Turtles II: The Secret of the Ooze”, fuer den er “Ninja Rap” schrieb und auffuehrte.
Nach der ersten Erfolgswelle folgte ein Absturz, der ebenso steil war wie der Aufstieg. Das Publikum, das ihn anfangs umarmt hatte, wandte sich ab, als seine Glaubwürdigkeit als Strassen-Rapper zunehmend in Frage gestellt wurde. Dennoch machte Van Winkle weiter Musik, experimentierte mit Nu-Metal und Rock und erfand sich später als erfolgreiche Fernsehpersoenlichkeit und Moderator einer Renovierungssendung neu. “Ice Ice Baby” ueberdauerte den Spott und blieb als eines der bekanntesten Songs seines Jahrzehnts bestehen. Was als versehentlich gespielte B-Seite begann, endete als Meilenstein in der Geschichte der Popmusik: der Beweis, dass Hip-Hop nicht mehr das ausschliessliche Eigentum einer einzigen Gemeinschaft war, sondern eine Sprache, die jeder sprechen konnte, zum Guten wie zum Schlechten.

