Tim Hort – No Dissociation
Tim Hort ist kein Name, der auf allen Lippen liegt, aber diejenigen, die mit seiner Arbeit vertraut sind, wissen, dass dieser in Chicago ansässige Singer-Songwriter seit Jahren seinen eigenen Weg an den Rändern der amerikanischen Indie- und Alternative-Rock-Szene geht. Nach früheren Veröffentlichungen unter dem Projektnamen The Radio Hour und dem introspektiven Shoegaze-Album “famine” aus dem Jahr 2025 präsentiert Hort nun sein bislang ehrgeizigstes Werk: “No Dissociation”, ein Doppelvinyl mit nicht weniger als 22 Tracks. Mit Airplay auf mehr als 75 College-Radiosendern und einer Platzierung in den nationalen Top 100 erscheint dieses Album mit einer gewissen Erwartungshaltung.
“No Dissociation” wurde von Hort selbst geschrieben, produziert und größtenteils eingespielt, mit Unterstützung des Produzenten Doug McBride, bekannt für seine Arbeit mit Smashing Pumpkins und Rise Against, sowie Beiträgen des verstorbenen Blaise Barton, ehemaliger Toningenieur für Bob Dylan und Liz Phair. Diese Zusammenarbeit ist hörbar. Die Produktion ist organisch und zugleich durchdacht, mit einer bewussten Entscheidung, Raum um Horts Stimme zu lassen. Selbst wenn die Stücke in Richtung Alt-Rock oder Shoegaze tendieren, bleibt die klangliche Logik kontrolliert, oft bewusst reduziert, sodass die emotionale Spannung erhalten bleibt. Geschichtete Gitarren, strukturierte Synthesizer und ein groovender Bass rahmen seine ausdrucksstarke, warme Stimme ein, ohne sie zu überlagern.
Stilistisch bewegt sich das Album durch eine faszinierende Zwischenwelt: niemals vollständig Alt-Rock, niemals vollständig Folk-Psychedelia oder Neo-Punk, sondern stets irgendwo dazwischen. Hörer, die mit Talking Heads, R.E.M. oder frühem David Bowie vertraut sind, werden die Verwandtschaft erkennen, auch wenn Horts Stimme als Songwriter unverkennbar eigenständig bleibt.
Die Höhepunkte sind zahlreich. “Tuesday” eröffnet mit einer beinahe industriellen Energie, getragen von scharfen Gitarrenlinien und einer rhythmischen Dringlichkeit, die sofort fesselt. “Except For A Dead-On Girl” ist scharf und gefährlich im Ton, voller Unruhe und fragmentierter Bilder, die mehr vermitteln als ausgefeilte Prosa es je könnte. “Heartbreaks And Slamming Doors” bestätigt Horts Fähigkeit, emotionale Direktheit mit einem atmenden Arrangement zu verbinden. “How Annandale Went Out” ist eines der stärksten erzählerischen Stücke des Albums, eine Komposition, die sich Zeit nimmt und dadurch an Wirkung gewinnt. Und “With The Rhythm Of A Catfight” ist vielleicht der faszinierendste Track der gesamten Platte: Zärtlichkeit und Bedrohung wechseln sich so wirkungsvoll ab, dass es unmöglich wird zu entscheiden, ob es sich um ein Liebeslied, einen Zusammenbruch oder beides zugleich handelt.
Die kritische Beobachtung lässt sich nicht vermeiden: 22 Tracks sind ambitioniert, aber auch anspruchsvoll. Für Hörer, die stärkere Tempowechsel oder tonale Kontraste benötigen, kann das Album zu lang erscheinen. Die tonale Sättigung, so bewusst sie auch ist, erfordert Geduld. Nicht jeder Track trägt das gleiche Gewicht im Gesamtbild, und eine Version mit etwa fünfzehn Songs hätte an Fokus gewonnen.
Diese Einschränkung ist jedoch eher eine Beobachtung als ein Vorwurf. “No Dissociation” ist ein dunkles, literarisches Album, das Entfremdung in Atmosphäre verwandelt und Atmosphäre in etwas, das der Gnade nahekommt. Hort baut keine Hitsingles, sondern Welten, und diejenigen, die bereit sind einzutreten, finden ein Werk, das sich psychologisch bewohnt anfühlt. Für Fans von durchdachtem, eklektischem Indie-Rock ist dies eine Veröffentlichung, die Aufmerksamkeit verdient. (8/10) (Self-produced)

