Bryony Sier – Who Am I
Nach Jahren von Auftritten auf Festivals wie Nozstock, Brecon Jazz und Swn, als Vorgruppe für Künstlerinnen und Künstler wie Molly Tuttle, Joshua Radin und Rachel Baiman sowie nach ihrem internationalen Debüt in Madrid Anfang 2026 ist das erste Album von Bryony Sier keine Überraschung, sondern ein logischer nächster Schritt. Die 29 Jahre alte Sängerin, Songwriterin und Gitarristin aus Südwales hat sich Zeit gelassen. Sie arbeitete mit dem Produzenten Charlie Francis und der Songwriterin Amy Wadge zusammen und baute gleichzeitig eine Bühnenkarriere auf, mit der die meisten Künstler kaum mithalten könnten. “Who Am I” ist das Ergebnis all dieser Jahre in neun Songs.
Das Album bewegt sich an der Schnittstelle von Folk, Blues, Soul und Pop. Das klingt nach einer oft verwendeten Beschreibung, trifft hier aber tatsächlich zu. Im Gitarrenspiel steckt Country, im Ende von Phrasen ein Hauch Gospel und genug Pop, um die Songs zugänglich zu halten, ohne sie oberflächlich wirken zu lassen. Der Fingerpicking-Stil, den sie sich als Teenager selbst über YouTube beigebracht hat, bildet weiterhin das Fundament, doch die Arrangements wirken heute luftiger und selbstbewusster als auf ihrer früheren EP “Personal Monster”. Aus produktionstechnischer Sicht bleibt das Album zurückhaltend. Akustische Texturen stehen im Vordergrund, ergänzt durch subtile Ebenen, die die Texte tragen, ohne sie zu überlagern. Siers Stimme, rau und sanft zugleich, erledigt den Rest.
“Telephone” und “Let’s Talk” zeigen, dass sie ebenso gut über die Außenwelt wie über sich selbst schreiben kann. “Brand New” bringt eine Frische und Offenheit, die gut neben den schwereren Songs funktionieren. “Til We Grow Old” ist der Typ Song, den man nach einmaligem Hören bereits kennt, nicht weil er simpel ist, sondern weil er genau dort landet, wo er landen soll. Dann ist da “Platform 8”, der Song, der dem Album sein Gewicht gibt. Er ist in ihren Erfahrungen mit Mobbing verwurzelt und dem Gefühl, als Jugendliche buchstäblich zum Schweigen gebracht worden zu sein. Zeilen wie ‘I’m not an object on your shelf’ wirken nicht wie eine Aussage, sondern wie etwas, das lange unausgesprochen blieb und endlich gesagt wird. Das ist der Unterschied zwischen über etwas schreiben und aus etwas heraus schreiben, und Sier tut fast immer Letzteres.
Nicht jeder Song erreicht dieses Niveau. “Payday” und “Why Do I Matter” sind thematisch interessant, fehlen aber an Schärfe und Fokus der stärkeren Stücke. Das Songwriting ist solide, doch der Raum, den Sier anderswo schafft, wirkt hier etwas eingeschränkter. Diese Songs wären auf einem zweiten Album wahrscheinlich keine Schwachstellen mehr, hier stechen sie jedoch hervor, weil der Rest so stark ist.
“Who Am I” endet mit “XOXO”, und dieser Titel sagt viel darüber aus, wie Sier arbeitet. Direkt, persönlich, ohne Distanz. Sie stellt die Titelfrage nicht als Krise, sondern als etwas, dessen Antwort sie bereits zu formulieren beginnt. Für Hörerinnen und Hörer von Künstlerinnen wie Lucy Rose, Lizzy McAlpine oder der akustischeren Seite von Laura Marling ist dieses Album überzeugend und ein Debüt, das neugierig auf mehr macht. (7/10) (unabhängige Veröffentlichung)

