Übersicht über die Albumrezensionen: James Blake, Anjimile und mehr

Jede Woche treffen Dutzende neuer Alben in der Redaktion von Maxazine ein. Viel zu viele, um sie alle anzuhören, geschweige denn zu rezensieren. Eine Rezension jeden Tag bedeutet, dass zu viele Alben zurückbleiben. Und das ist eine Schande. Deshalb veröffentlichen wir heute eine Übersicht der Alben, die in Kurzrezensionen in der Redaktion eintreffen.

Foto (c) Jorge Fakhouri Filho

Philip Shouse – Side I

Philip Shouse ist der bekannteste Mann, den in der Rockwelt niemand kennt. Jahrelang war er Teil der Tourbands der Kiss-Mitglieder Gene Simmons als Gitarrist und Bassist sowie von Ace Frehley. Außerdem ist er auf dem Album “Origins Vol.2” von Ace Frehley zu hören. Er arbeitete auch mit John Corabi (The Scream/Mötley Crüe) und dem Country-Rock-Star Rodney Atkins zusammen. “Side I” ist im wörtlichen und übertragenen Sinn ein Soloalbum. Philip Shouse übernimmt Gesang, Bass und Gitarre selbst. Die Musik auf “Side I” ist sehr melodisch mit schönen Harmonien, inspiriert von The Beatles. Man kann auch an Tom Petty und Led Zeppelin denken. Der Großteil der fünf schönen Songs auf diesem vielversprechenden Debüt-Mini-Album lässt sich jedoch als Country Pop Rock beschreiben. Ich freue mich schon auf den Nachfolger (“Side 2”?)! (Ad Keepers) (8/10) (Wild Kingdom/Sound Pollution)

Champian Fulton – Flying High: Still Soaring

Sie wurden ‘canaries’ genannt: Jazzsängerinnen, die sich in den dreißiger und vierziger Jahren bei den Big Bands von Glenn Miller, Artie Shaw, Gene Krupa und Benny Goodman einen Namen machten und später als Solokünstlerinnen zu Stars wurden. Die amerikanische Pianistin und Sängerin Champian Fulton liefert auf “Flying High: Still Soaring” eine würdige Hommage an diese illustren Vorgängerinnen. Vom Auftakt “S’posin'” bis zu “Sentimental Journey” zeigt Fulton, dass sie eine wahre Meisterin dieses Genres ist. Das überrascht kaum, denn das Great American Songbook wurde ihr schon früh nahegebracht. Die Kunst besteht darin, das Material dennoch frisch und originell klingen zu lassen, und das gelingt Fulton. Unterstützung erhält sie von mehreren stimmgewaltigen Sängerinnen dieses Fachs: Bria Skonberg, Tahira Clayton, Carmen Bradford und Nicole Zuraitis. In “What a Little Moonlight Can Do” hört man gut, worin Fultons Stärke liegt: Die Arrangements bleiben der Swing-Tradition treu, ohne altmodisch zu klingen. Dadurch steht der Gesang im Mittelpunkt, während Fultons Klavierspiel mit einer leichten rhythmischen Note um die Stimme herumflattert. Für Liebhaber von Swing und vokalem Jazz ist dies eine besonders charmante Platte: stilvoll, energiegeladen und ganz offensichtlich aus Liebe zur Tradition des Swing gemacht. (Jeroen Mulder) (8/10) (Songbook Ink)

Anjimile – You’re Free To Go

Anjimile macht Musik wie jemand, der nach langem Luftanhalten unter Wasser endlich wieder atmet. “You’re Free To Go” ist intim, verletzlich und in manchen Momenten überwältigend schön. Texte über Freiheit, Identität und Loslassen werden von einer Stimme getragen, die direkt in die Brust trifft. Während das Debüt von Anjimile stärker im Folk verwurzelt war, entscheidet sich dieses Album bewusst für Offenheit, mehr Raum, mehr Stille und mehr Licht. Hören Sie das Titelstück als Ausgangspunkt: Wenn Sie das nicht überzeugt, ist dieses Album nichts für Sie. Aber die Chancen stehen gut, dass es Sie überzeugt. (Elodie Renard) (7/10) (4AD)

Modha – At Your Place

Seelenlos, durchdacht und poliert. Das Berliner Duo Dhanya Langer und Max Scholl macht aus seiner Meinung über viel zeitgenössische Musik keinen Hehl. Als Modha will das Duo sein Publikum mit roher Energie überraschen, verpackt in experimentellen Kompositionen. Die Songs handeln von relevanten Themen wie mentaler Gesundheit, aber auch von der Herausforderung des Künstlers inmitten der emotionalen und wirtschaftlichen Realität des Alltags. Hallo. Ein solches Marketing verspricht selten viel Gutes. Zum Glück liegt das Marketing hier völlig daneben, denn “At Your Pace” ist ein herrliches Album, das viel weniger experimentell ist, als uns das Marketing glauben machen will, auch dank Gastmusikern wie der Sängerin Allysha Joy im trägen, jazzigen “Good News” oder dem Hip Hop Crossover “Bullet” mit einem scharfen Text des Baton Rouge Rappers Wakai. Höhepunkt ist “River”, mit Beteiligung des ungarischen Keyboarders Ábasé und einem schönen Flötensolo von Fanni Zahár. So kombiniert Modha Jazz mit einer kräftigen Portion R&B und Hip Hop. Nichts Neues unter der Sonne, aber gut gemacht. Rohe Energie? Nein. Dafür klingt alles zu durchdacht und poliert. Zum Glück. Ein Punkt Abzug für das blasenbildende Marketing. (Jeroen Mulder) (7/10) (Sonar Kollektiv)

James Blake – Trying Times

Blake kehrt zurück als ein Mann, der endlich sein eigener Chef geworden ist. “Trying Times”, sein siebtes Studioalbum und das erste ohne Major Label, klingt wie ein erleichtertes Ausatmen nach Jahren der vertraglichen Enge. Die vertrauten Zutaten sind noch da: diese halluzinatorische Falsettstimme, die fast schmerzhaft stille Produktion und die elektronischen Texturen, die sich wie nasser Beton anfühlen. Aber es gibt eine neue Ruhe. Wer dachte, dies würde das Album der existenziellen Krise werden, irrt sich. Dies ist das Album eines Menschen, der zur Ruhe gekommen ist. Nicht so dringend wie “Retrograde”, aber ebenso durchdacht. Geeignet für alle, die James Blake schon immer etwas zu laut fanden. (Jan Vranken) (7/10) (GOOD BOYS COMPANY)

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