Snoop Dogg – 10 Til’ Midnight
Snoop Dogg veröffentlicht mit “10 Til Midnight” sein 22. Studioalbum auf Death Row Records/Gamma, ein Werk mit vierzehn Tracks und 35 Minuten, das der vertrauten G-Funk-Formel ohne nennenswerte Überraschungen folgt. Wer hat noch Angst vor dem großen bösen Dogg?
Es ist das Jahr 2026 und Calvin Cordozar Broadus Jr. aus Long Beach, Kalifornien, besser bekannt als Snoop Dogg, ist längst kein Rapper mehr im traditionellen Sinne. Er ist Olympia-Kommentator, Kochshow-Moderator neben Martha Stewart, Mitglied der WWE Hall of Fame und Besitzer von Death Row Records, dem Label, das er 2022 kurz vor dem Super Bowl übernommen hat. Dass er zwischendurch noch Alben veröffentlicht, vergessen viele. Nach “Missionary” (2024) mit Dr. Dre und dem im letzten Jahr erschienenen “Iz It a Crime?” ist “10 Til’ Midnight” bereits sein drittes Album in anderthalb Jahren.
Die Frage ist nicht, ob Snoop noch rappen kann. Die Frage ist, ob er es noch will. Das Album eröffnet mit “Step”, einer Zusammenarbeit mit Swizz Beatz: funky, selbstbewusst, gemacht für Straße und Club zugleich. Es ist ein Track, auf dem Snoop am besten zur Geltung kommt, mit genügend Raum, seinen charakteristischen Drawl über einen soliden Beat zu legen. Wer damals “Drop It Like It’s Hot” in Dauerschleife hatte, erkennt die Energie wieder. Direkt danach folgt “Lied 2 U”, produziert von Pharrell Williams, das atmosphärisch und verträumt klingt, aber nirgendwo wirklich hinführt. Wer die Credits studiert, entdeckt, dass niemand Geringeres als Akon als Backgroundsänger aufgeführt ist. Dass ein Künstler, der selbst 45 Millionen Platten verkauft hat, bei Snoop Dogg die Background-Vocals einsingt, sagt mehr über die Hierarchie im Haus des Dogg aus als jede Textzeile dieses Albums.
Die Produzentenliste liest sich wie ein Ehrenbataillon von Hip-Hop-Veteranen: Neben Pharrell und Swizz Beatz lieferten Rick Rock, Soopafly, Nottz, Erick Sermon und YoungFyre Beats. Diese Namen garantieren handwerkliches Können, und das hört man. Die Westküsten-Signatur ist überall präsent, von den summenden Synthesizern bis zu den langsamen, hydraulischen Grooves. Doch Handwerk ist nicht gleich Inspiration.
Der stärkste Track ist “17 Rules”, in dem Snoop tatsächlich erzählt statt zu posieren. Er zeichnet die Geschichte eines jungen Mannes, der falsche Entscheidungen trifft und hinter Gittern landet, aufgebaut um eine Zahlenstruktur, die überraschend gut funktioniert. Die souligen Harmonien und die Dringlichkeit in seiner Stimme machen dies zum vollständigsten Stück des Albums. “OG to BG” ist ein weiterer Lichtblick, in dem er die jüngere Generation mit der Autorität von jemandem anspricht, der drei Jahrzehnte im Geschäft überlebt hat. “Long Beachin’”, produziert von Nottz, ist eine kurze, aber aufrichtige Liebeserklärung an seine Heimatstadt. Der Abschlusstrack “QTSAMYAH” mit October London bietet einen reflektierenden Ausklang, der dem Album einen gewissen thematischen Bogen verleiht, so minimal er auch ist.
Das Problem von “10 Til’ Midnight” ist nicht, dass es schlecht ist. Das Problem ist, dass es kaum Notwendigkeit ausstrahlt. Mit 35 Minuten ist es zwar kompakt, doch Tracks wie “Slid Off” und das dreizehn Sekunden lange Interlude “Daddy Rich” wirken wie Füllmaterial. “Leave That Dogg Alone” und “Stop Counting My Poccets” greifen dasselbe Thema auf, Snoop bringt Kritiker zum Schweigen, aber keiner der beiden tut dies mit genügend Schärfe, um Eindruck zu hinterlassen. Trinidad James auf “Pop My Shit” liefert genau das, was man erwartet: nicht mehr und nicht weniger. Das größere Problem ist, dass Snoop auf vielen Tracks kaum rappt. Er singt, murmelt und gleitet über die Beats mit der Nonchalance eines Menschen, der nichts mehr zu beweisen hat. Das ist in kleinen Dosen charmant, wird aber über vierzehn Tracks hinweg eintönig. Die Produktion ist konstant, aber selten überraschend. Kein einziger Beat hier hätte auf einem Snoop-Album aus dem Jahr 2005 fehl am Platz gewirkt, und das ist sowohl ein Kompliment als auch ein Problem.
Snoop Dogg muss niemandem mehr etwas beweisen. Das macht ihn als Persönlichkeit nahezu unantastbar, lässt seine Alben aber auch unverbindlich wirken. “10 Til’ Midnight” ist das Werk eines Künstlers, der seine Formel kennt und sich weigert, davon abzuweichen. Für Fans von klassischem G-Funk und Snoops entspanntem Stil ist das genau ausreichend. Für diejenigen, die gehofft hatten, dass der Besitz von Death Row ein neues kreatives Feuer entfacht, ist es eine verpasste Chance. In der langen Diskografie von Snoop Dogg, vom bahnbrechenden “Doggystyle” aus dem Jahr 1993 bis zur Reunion mit Dr. Dre auf “Missionary”, ist dieses Album eher eine Fußnote als ein Kapitel. (6/10) (Death Row Records/Gamma)

