Kurt Elling & WDR Big Band – In the Brass Palace
Es gibt Sänger, die berühren, und Sänger, die beeindrucken. Kurt Elling fällt hartnäckig in die zweite Kategorie. Der Mann, den die New York Times einst zum wichtigsten männlichen Jazzsänger unserer Zeit erklärte, ist mit “In the Brass Palace”, einer Zusammenarbeit mit der renommierten WDR Big Band aus Köln unter Leitung von Saxophonisten und Dirigenten Bob Mintzer, zurück. Und ja, es ist genau so großartig, poliert und makellos, wie man es von dem Uber-Crooner aus Chicago erwarten darf. Das ist zugleich die Stärke und die Achillesferse dieses Albums.
Beginnen wir mit den guten Nachrichten. Die WDR Big Band ist eine Maschine der Spitzenklasse. Wer jemals ihre Arbeit mit Randy Brecker oder Ron Carter gehört hat, weiß, dass diese Männer und Frauen aus Köln zur absoluten Spitze der europäischen Big Bands gehören. Aufgenommen im Oktober 2024 im vertrauten Studio 4 des WDR in Köln, klingt “In the Brass Palace” wie eine Million Dollar. Christian Schmitts Produktion ist kristallklar, ohne steril zu wirken, und die Arrangements, mit einer dicken Anspielung auf die Arbeit von Gil Evans, verleihen den sechs Tracks einen filmischen Breitbild-Charakter, der manchmal Gänsehaut erzeugt. Die Trompetensektion mit Veteranen wie Andy Haderer und Ruud Breuls sprengt das Dach. Letzterer, ein Niederländer aus Stein in Limburg, wird seit Jahrzehnten in seinem Heimatland übersehen, gehört aber seit Jahren zum festen Kern einer der besten Big Bands Europas in Köln. Wer die Prophezeiung über seine eigene Stadt bestätigt sehen möchte, muss nur seinem Spiel auf diesem Album lauschen. Pianist Billy Test und Bassist John Goldsby halten währenddessen das rhythmische Fundament fest, aber elegant.
Die Trackliste liest sich wie eine ambitionierte Visitenkarte. Der Opener “Steppin’ Out”, ja, der von Joe Jackson mit der unwiderstehlichen Synthesizer-Melodie von 1982, erhält hier ein sinnliches Big-Band-Gewand, das swingender ist als das Original, aber auch etwas brav. Elling trägt das Stück mit seinem charakteristischen Bariton vor, als hätte er es selbst geschrieben, und genau das ist das Problem: Er beansprucht alles so selbstverständlich, dass man manchmal vergisst, dass hinter einem Song jemals eine andere Geschichte stand. “Desire”, eine Komposition des Gitarristen John Scofield, bekommt eine schleichende Film-Noir-Behandlung, bei der das Orchester wunderschön hinter Ellings dramatischer Darbietung gleitet. Es ist einer der stärksten Momente des Albums, gerade weil der Sänger sein Ego kurz geparkt und der Musik Raum zum Atmen gegeben hat.
Mit “My Very Own Ride”, basierend auf einem Thema von Thad Jones mit Texten von Elling selbst, betreten wir typisches Elling-Territorium: Vocalese mit intellektuellem Unterton, begleitet von einem Arrangement, das an die Hochzeiten der Thad Jones/Mel Lewis Orchestra erinnert. “I Like the Sunrise” von Duke Ellington ist ein gewagtes Stück; Ellington schrieb es als Teil seiner Liberian Suite, und Elling singt es mit aufrichtiger Hingabe. Doch auch hier schleicht sich die typische Elling-Eigenschaft ein: Jede Note sitzt so genau, dass man sich fragt, ob noch Platz für das Unerwartete bleibt, für den einen Riss im Samt, durch den echte Emotion dringen kann.
Die beiden Schlussstücke sind eine Hommage an das Weather Report-Universum. “They Speak No Evil”, Ellings Bearbeitung von Wayne Shorters Klassiker “Speak No Evil”, ist konzeptionell interessant, fühlt sich aber wie eine akademische Übung in Vocalese an, clever zwar, aber es fehlt die rätselhafte Magie des Originals von Shorter. “Current Affairs”, eine Komposition von Joe Zawinul, beendet das Album mit dem meisten Feuer. Hier lässt die WDR Big Band endlich die Zügel locker und erzeugt eine Aufregung, die in den ersten fünf Tracks manchmal fehlt.
Und darin liegt das Kernproblem von “In the Brass Palace”. Es ist ein Album, das alles richtig macht – die Arrangements sind spektakulär, das Orchester spielt phänomenal, die Aufnahmequalität ist hervorragend – aber es überrascht selten wirklich. Kurt Elling ist seit dreißig Jahren der bestangezogene Mann im Jazzraum, der Sänger mit dem perfekten Anzug und makelloser Diktion. Aber manchmal wünscht man sich einen losen Knopf, eine schiefe Krawatte, eine unerwartete Wendung. Mit sechs Tracks und fünfundvierzig Minuten Spielzeit ist das Album zudem etwas kurz; ein achter oder neunter Track hätte leicht mehr dynamischen Kontrast gebracht.
Übrig bleibt ein fachmännisches, manchmal wunderschönes, manchmal etwas vorhersehbares Big-Band-Album, das genau das liefert, was Elling-Fans erwarten. JazzTimes bezeichnete das Projekt bereits als ersten Teil einer geplanten Serie, also wer weiß, was noch kommt. Fürs Erste ist “In the Brass Palace” ein solides erstes Kennenlernen – aber keines, das einen nachts wach hält. (6/10) (Big Shoulders Records / WDR Mediagroup)

