Übersicht über die Albumrezensionen: Bill Callahan, Stone und mehr12
Jede Woche treffen Dutzende neuer Alben in der Redaktion von Maxazine ein. Viel zu viele, um sie alle anzuhören, geschweige denn zu rezensieren. Eine Rezension jeden Tag bedeutet, dass zu viele Alben zurückbleiben. Und das ist eine Schande. Deshalb veröffentlichen wir heute eine Übersicht der Alben, die in Kurzrezensionen in der Redaktion eintreffen.
Sara Colman und Rebecca Nash – Ribbons Vol. 1
Vergesst London. Das schlagende Herz der britischen Jazzszene befindet sich in Birmingham, genauer gesagt am Royal Birmingham Conservatoire. Die Sängerin Sara Colman und die Pianistin Rebecca Nash haben beide an diesem Konservatorium studiert. Ein Großteil des Materials auf “Ribbons Vol. 1” entstand in dieser Zeit, und mit diesem Wissen ist es schwierig, dieses Album völlig vorurteilsfrei zu hören. Technisch wird es zweifellos perfekt sein, doch gelingt es diesem Duo, die Hörer über die Technik hinaus zu fesseln? Einige Stücke sind tatsächlich vor allem Meisterklassen der Technik, wie “Ribbons – Prologue”, in dem Nash mit ungewöhnlichen Akkorden und Modulationen an die Grenzen geht und das Flügelhorn des eigentlich Erfahrenen Percy Pursglove gelegentlich deutlich verstimmt klingt. Die Gastmusiker sind jedoch eine schöne Ergänzung, etwa das Tenorsaxofon von Iain Ballamy im Opener “Noble Heart” oder die Gitarre von Steve Banks in “Sophie’s Song”, das zudem einen wunderschönen, poetischen Text von Colman enthält. Colmans mitunter tief philosophische Texte sind ohnehin mehr als hörenswert, doch gerade die Gastmusiker verleihen dem Album einen zugänglicheren Charakter und machen es zu mehr als nur einer Demonstration von Können. (Jeroen Mulder) (7/10) (Stoney Lane Records)
Bill Callahan – My Days of 58
Bill Callahan nennt “My Days of 58” eine ‘Wohnzimmerplatte’, und tatsächlich ist die Atmosphäre intim und durchdrungen von der Live-Energie seiner festen Tourband, bestehend aus dem Gitarristen Matt Kinsey, dem Saxofonisten Dustin Laurenzi und dem Schlagzeuger Jim White. Es ist sein erstes Soloalbum seit “YTI⅃AƎЯ” aus dem Jahr 2022 und zeigt den Songwriter so offen und unverhüllt wie selten zuvor. Der Opener “Why Do Men Sing?” ist eine trockene, ironische Betrachtung der Sterblichkeit, während “The Man I’m Supposed to Be” zwischen Folk, Krautrock und freier Improvisation pendelt. “Stepping Out for Air” ist der Höhepunkt des Albums: ein malerisches siebenminütiges Stück über die Suche nach Schönheit im Dunkeln, getragen von Bläsern und einem intensiven Gefühl der Erlösung. Titel wie “Lonely City”, “West Texas” und “Highway Born” erkunden den Übergang ins sechste Lebensjahrzehnt aus einer gelassenen, humorvollen Perspektive. Der Abschlussstrack “The World Is Still” ist ambient und meditativ. Nach drei Jahrzehnten bleibt Callahan ein absolutes Original. (Norman van den Wildenberg) (8/10) (Drag City)
Stone – Autonomy
“Autonomy” ist das zweite Album dieser aus Liverpool stammenden Indie-Rockband. Stone hat sich vom Label Polydor Records getrennt, das das Debütalbum “Fear Life For A Lifetime” (2024) veröffentlichte. Stone strebt vollständige künstlerische Freiheit an, und das zeigt sich glücklicherweise nicht nur im Albumtitel, sondern auch in der Musik und den Texten dieses Albums. Themen sind Authentizität, persönlicher Kampf und Widerstand gegen kommerziellen Druck. Auf “Autonomy” sind daher keine radiotauglichen Songs zu finden. Stattdessen hört man eine Mischung aus Alternative Rock, Punk und Post-Punk mit rauer, kantiger Gitarrenarbeit, gespielt von einer Band, die nicht daran interessiert ist, sauber innerhalb der Linien zu bleiben, sondern ungefiltert, laut und kompromisslos echt zu sein. (Ad Keepers) (7/10) (RCA Records/Nice Swan Records)
Ellas Kapell – Ember
Ellas Kapell ist ein schwedisches Quartett, bestehend aus der Sängerin Lovisa Jennervall, dem Pianisten Manne Skafvenstedt, dem Bassisten August Eriksson und dem Schlagzeuger Edvin Glänte. Auf “Ember” tun sie das, worin dieses Quartett besonders gut ist: große Jazzklassiker auf originelle Weise zu interpretieren. Die Single “How Deep is the Ocean” war bereits ein schönes Beispiel dafür: 1932 von Irving Berlin geschrieben und vor allem durch die Version von Frank Sinatra bekannt geworden. Da braucht es Mut, eine völlig eigene Interpretation aufzunehmen. Oder “All the Things You Are” von Ella Fitzgerald: In ihrer Version ist dieses Stück von 1939 ein swingendes Ganzes mit kräftiger Bläsersektion. In der Version von Ellas Kapell muss man zweimal hinhören, um zu erkennen, dass es sich tatsächlich um dasselbe Lied handelt, mit diesem wunderschönen poetischen Text von Oscar Hammerstein II. Man fragt sich mitunter, was man mit einem Song noch anfangen kann. Nehmen wir “I Cover the Waterfront”, das von nahezu jeder Größe im Jazz interpretiert wurde, darunter Billie Holiday, Sarah Vaughan und Old Blue Eyes. Dennoch gelingt Ellas Kapell das mit Bravour. Die Interpretationen sind originell, mit überraschenden Arrangements, die einerseits sehr durchdacht klingen, andererseits aber auch frei und spielerisch wirken. Und wir haben noch nicht einmal Jennervall erwähnt, die mit ihrer Stimme dem klassischen Repertoire ein frisches Gewand verleiht, sodass diese auf den ersten Blick abgegriffenen Stücke ein neues Leben beginnen. (Jeroen Mulder) (8/10) (Prophone Records)
Iron & Wine – Hen’s Teeth
“Hen’s Teeth” ist das zehnte Album von Iron & Wine, aufgenommen während derselben Sessions wie das 2024 erschienene “Light Verse”. Sam Beam beschreibt das Album als ein unerwartetes Geschenk: etwas Unmögliches, das dennoch Wirklichkeit wurde. Die zehn Stücke sind in warmem Indie-Folk mit Anklängen an Americana und sanften Soul gehüllt, eingespielt von einer festen Band im Waystation Studio in Laurel Canyon. Das Folk-Trio I’m With Her, bestehend aus Sara Watkins, Aoife O’Donovan und Sarah Jarosz, ist auf “Robin’s Egg” und “Wait Up” zu hören. Besonders bemerkenswert ist auch der Beitrag von Beams Tochter Arden Beam, die erstmals auf einem seiner Alben als Harmonie- und Backgroundsängerin zu hören ist. Der Opener “Roses” bietet den breitesten Klang auf einem ansonsten eher zurückhaltenden Album, während “Defiance, Ohio” leichtfüßig und heiter klingt. “In Your Ocean” und “Singing Saw” schaffen eine ruhige, leicht berauschende Atmosphäre, die dem Album einen zeitlosen Charakter verleiht. “Hen’s Teeth” betritt für Iron & Wine kein neues Terrain, erweist sich jedoch als warme und stimmige Ergänzung zu Beams ohnehin reichem Werk. (Norman van den Wildenberg) (7/10) (Sub Pop)






