Delinquent Habits – El Ritmo
2025 war das Jahr der großen Old-School-Comebacks. Xzibit kehrte nach dreizehn Jahren mit “Kingmaker” zurück, stark unterstützt von Conor McGregors Greenback Records und mit Gastbeiträgen von Dr. Dre, Ice Cube und Busta Rhymes. Nas vollendete endlich seine lange erwartete Zusammenarbeit mit DJ Premier auf “Light-Years”, Teil der legendären Reihe “Legend Has It…” von Mass Appeal. Große Namen, große Labels, große Erwartungen. Und doch stammt das erfolgreichste Comeback-Album des vergangenen Jahres nicht von einem Major-Label, sondern von einem bescheidenen Independent-Label. Dreißig Jahre nach ihrem Durchbruch zeigen Delinquent Habits mit “El Ritmo”, dass Authentizität und Handwerk mehr wiegen als Marketing und Mega-Deals.
Vom Opener “Me & The Boys” bis zum Abschluss “LA Piazza” ist “El Ritmo” genau das, was der Titel verspricht: reiner, unverfälschter Rhythmus. Dieses Album dreht sich um den Groove, die Atmosphäre, das schlagende Herz der Straße. Ives Iries Flow ist immer noch messerscharf, und seine Stimme besitzt jene charakteristische lässige Bedrohlichkeit, die er bereits 1996 auf “Tres Delinquentes” perfektionierte. Produzent DJ Invincible bleibt dem klassischen Delinquent-Habits-Sound treu, verleiht ihm jedoch gerade genug modernen Geschmack, um alles frisch zu halten, ohne die Seele zu verlieren. Die Produktion balanciert perfekt zwischen traditionellen Funk-Samples, Mariachi-Bläsern und zeitgenössischem Boom Bap, und das Ergebnis ist schlichtweg köstlich.
Der absolute Höhepunkt ist “Ritmo”, featuring Sick Jacken von The Psycho Realm. Diese Zusammenarbeit zwischen zwei Ikonen des LA-Undergrounds ist genau das, was man erwartet, und zugleich so viel mehr: roh, authentisch und durchzogen von jener typischen West-Coast-Energie, die man in der DNA spürt. Sick Jacken liefert seinen dunklen, fast unheilvollen Flow, der perfekt mit Iries entspannterem Vortrag kontrastiert. Der Track erinnert an die goldenen Jahre des Latin-Hip-Hop, als Gruppen wie Psycho Realm, Cypress Hill und natürlich Delinquent Habits gemeinsam der Latino-Community eine Stimme gaben. Das ist keine Nostalgie, sondern zeitloses Handwerk.
“Canta No Llores” verdient ebenso viel Lob. Als erste Single bot es einen perfekten Vorgeschmack: aufmunternd, tanzbar, mit einem auffälligen akustischen Gitarrenriff, das sich nahtlos mit den typischen Blasinstrumenten verbindet. Die Botschaft ‘sing, weine nicht’ ist einfach, aber kraftvoll, ein Mantra der Widerstandskraft, das zur Geschichte und zum Stolz der Chicano-Community passt, die Delinquent Habits immer vertreten haben. Dieser Song bleibt tagelang im Kopf.
“This World”, featuring Reverie, zeigt die existenzielle Tiefe des Albums. Über einen souligen Beat reflektiert Ives über das Leben im Barrio, die Kämpfe seines Volkes und die Suche nach Perspektive. Es ist ein Moment, in dem El Ritmo beweist, mehr zu sein als nur eine Party-Atmosphäre. “Groove Slow”, mit fast vier Minuten der längste Track, nimmt sich Zeit, eine hypnotische Atmosphäre aufzubauen, die an klassischen G-Funk erinnert, jedoch mit jener unverkennbaren Latino-Note. Man spürt die kalifornische Sonne, die Lowrider, die gesamte Kultur in jedem Takt.
Auch “Day One” und “Burn Up” liefern genau das, was Fans dieser Gruppe erwarten: straffe Beats, eingängige Hooks und diese ewige Mischung aus Englisch und Spanisch, die so fließend ist, dass man vergisst, wo die eine Sprache endet und die andere beginnt. “Take Flight” besitzt eine aufwärts gerichtete Energie, die perfekt als Auftakt für eine Workout-Playlist funktioniert, während “False Preacher” gerade genug Kante hat, um interessant zu bleiben, ohne in Klischees zu verfallen.
Mit nur 34 Minuten ist “El Ritmo” kompakt, doch genau das ist seine Stärke. Während Xzibits Kingmaker mit seinen zwanzig Tracks manchmal über das Ziel hinausschoss und Nas’ “Light-Years” mit fünfzehn Songs ausgedehnt philosophierte, halten Delinquent Habits alles kurz und kraftvoll. Kein Füllmaterial, keine unnötigen Interludes, keine endlosen Skits. Einfach elf solide Tracks, die man von Anfang bis Ende hören kann, ohne auch nur einmal auf die Skip-Taste zu drücken.
Natürlich ist nicht jeder Track sofort ein Klassiker. Einige Stücke wie “Enjoy The Rays” bleiben etwas zu sehr auf vertrauten Wegen, doch selbst in ihren schwächsten Momenten sind Delinquent Habits immer noch unterhaltsamer als die Hälfte dessen, was heute veröffentlicht wird. Und seien wir ehrlich: In einer Zeit, in der Latino-Künstler wie Bad Bunny und J Balvin die weltweite Bühne mit poliertem Pop-Rap dominieren, wirkt die Treue von Delinquent Habits zur Underground-Ästhetik der Mitte der neunziger Jahre nicht konservativ, sondern rebellisch. Das ist Authentizität bis ins Mark.
Was “El Ritmo” im Vergleich zu den anderen großen Comebacks von 2025 so besonders macht, ist das Fehlen von Nostalgie als Marketinginstrument. Xzibit brauchte Dr. Dre, um Relevanz zu beanspruchen, Nas stützte sich stark auf die Illmatic-Mystik mit DJ Premier. Delinquent Habits hingegen tun einfach das, was sie seit dreißig Jahren tun: entspannt im Groove bleiben, ihre Kultur ehren und Platten machen, die wirklich swingen. Für alle, die sich nach der Zeit sehnen, als Hip-Hop noch Herb Alperts “The Lonely Bull” samplte und daraus Goldstücke machte, ist dieses Album nicht nur eine willkommene Heimkehr, sondern die beste Erinnerung daran, dass manche Dinge einfach nie alt werden.
“El Ritmo” beweist, dass Delinquent Habits nach dreißig Jahren noch immer relevanter sind als je zuvor, nicht weil sie Trends folgen oder sich von prominenten Investoren unterstützen lassen, sondern weil sie an dem festhalten, was sie einzigartig macht. Dieses Album ist eine Feier kulturellen Stolzes, handwerklichen Könnens und der unzerstörbaren Kraft guter Musik. Und verdammt, was für eine unglaublich großartige Platte das ist.
Fazit: Während die Rap-Legenden der großen Labels 2025 mit wechselndem Erfolg ihr Comeback zu feiern versuchten, kommt die gelungenste Rückkehr aus einer unerwarteten Ecke. “El Ritmo” beweist, dass man kein Millionenbudget braucht, um ein zeitloses Album zu schaffen, sondern nur Talent, Leidenschaft und Respekt vor den eigenen Wurzeln. Delinquent Habits liefern dort, wo andere Veteranen scheiterten: ein Album, das zugleich Feier und Statement ist und Alt und Neu verbindet, ohne auch nur eine Sekunde gezwungen zu wirken. So feiert man ein Jubiläum. (8/10) (okwow)

