Übersicht über die Albumrezensionen: Evermore, Pat Metheny und mehr
Jede Woche treffen Dutzende neuer Alben in der Redaktion von Maxazine ein. Viel zu viele, um sie alle anzuhören, geschweige denn zu rezensieren. Eine Rezension jeden Tag bedeutet, dass zu viele Alben zurückbleiben. Und das ist eine Schande. Deshalb veröffentlichen wir heute eine Übersicht der Alben, die in Kurzrezensionen in der Redaktion eintreffen.
Tyrone Allen II – Upward
“Upward”, so heißt das Debütalbum des New Yorker Bassisten Tyrone Allen II. Das ist eigentlich etwas seltsam, denn der Mann spielt auf unzähligen Alben mit und ist in vielen Jazzcombos eine feste Größe. So war er unter anderem der Bandleader von BRAHIM! In der er gemeinsam mit Abe Nouri spielte, dem aktuellen Keyboarder von Billie Eilish. Apropos: Die Musik von Allen II ist genauso diffus und schwer fassbar wie die von Eilish. Die Grundlage ist meist ein relativ einfaches Motiv, das zu geschichteten Gruppenimprovisationen ausgebaut wird, in denen die ‘klassische’, akustische Jazzinstrumentierung in Klanglandschaften aus Elektronik und Ambientstrukturen übergeht. Der Begriff ‘Gruppenimprovisation’ wurde sorgfältig und sehr bewusst gewählt, denn echte Soli gibt es kaum. Die Trompete von Aiden Lombard oder das Saxofon von Neta Raanan ist stets Teil eines gesamten Bandsounds; es gibt eine ständige Interaktion zwischen den verschiedenen Instrumenten. “Upward” ist ein Album, auf dem man die Entwicklung des Jazz hört, auf dem die Grenzen zwischen Genres verschwimmen und der Jazz zu einer Bühne für neue Klänge wird. Im Fall von Tyrone Allen II gehen diese Grenzen beinahe fließend in außergewöhnlich elegante Kompositionen über. Tracks wie “Cassia” und “The A-Side (Dedicated to R.P.)” sind Beispiele dafür. Dabei muss angemerkt werden, dass die Harfe von Samantha Feliciano einen großen Beitrag zu dieser Eleganz leistet. (Jeroen Mulder) (7/10) (Dreams & Fears Records)
Evermore – Mournbraid
Die Texte von “Mournbraid” (dem dritten Album) der schwedischen Power-Metal-Band Evermore handeln von Herausforderungen und Kämpfen, mit denen Menschen konfrontiert sind. Nach der instrumentalen, klassisch orientierten Eröffnung setzt der Metal ein. Johan Haraldsson verfügt über einen ziemlich hohen Stimmumfang, wodurch er mehrere lange vokale Ausbrüche hören lässt. Seine Stimmfarbe ist weniger schwer als die vieler anderer Metalsänger, wodurch seine kraftvolle Stimme manchmal ins Schreien übergeht. Einige Tracks enthalten überraschende Tempo- und/oder Lautstärkewechsel. Einige andere mitreißende Songs sind vorhersehbarer. Dadurch kommt die Bedeutung der Texte weniger stark an, doch die Refrains laden zum Mitsingen ein. Instrumental ist alles gut aufgebaut, besonders das dynamische Schlagzeugspiel und das beeindruckende Gitarrenspiel fallen positiv auf. Die Saiten werden regelmäßig angenehm schwer gespielt; daneben gibt es einige akustische Gitarrenklänge. Zeitweise liegt das Tempo im Gesang und/oder in der Musik ziemlich hoch. Die Musik und der (geschichtete) Gesang klingen weniger warm als erhofft. Auch die Kontraste zwischen hoch/tief und leise/laut sind recht klein. Außerdem sind die Schichten in Gesang und Musik gut über das Headset verteilt. (Esther Kessel-Tamerus) (6/10) (Scarlet Records)
Ms Banks — SOUTH LDN LOVER GIRL
Seit Jahren Gold im Londoner Underground und endlich ein Debütalbum, “SOUTH LDN LOVER GIRL”. Ms Banks rechnet mit allen ab, die sie unterschätzt haben, und tut dies mit einem Selbstvertrauen, das einen trifft wie ein Soundclash in Brixton. Das Album ist ihr Liebesbrief an ihr jüngeres Ich: roh, ungefiltert und manchmal aufrichtig rührend. Die Produktion pendelt zwischen Drill, Afrobeats und purer R&B-Soul. Wenn du ihren Track “Karma” kennst, weißt du, dass diese Frau direkt an die Kehle geht. “SOUTH LDN LOVER GIRL” ist keine Einführung; nein, es ist ein Statement. Für Einsteiger: Beginnt mit dem furiosen Eröffnungstrack und arbeitet euch von dort aus weiter vor. (Jan Vranken) (7/10) (Island Records)
Deadletter – Existence Is Bliss
“Existence Is Bliss” ist das zweite Album der englischen Post-Punk-Band Deadletter und ein gelungener Nachfolger des bereits beeindruckenden Debütalbums “Hysterical Strength”, das 2024 veröffentlicht wurde. “Existence Is Bliss” ist sogar noch experimenteller als “Hysterical Strength” und bietet noch mehr Raum für Experimente mit Jazz, Folk und Art-Rock. Das Saxofon spielt auf “Existence Is Bliss” eine noch prominentere Rolle als auf “Hysterical Strength”, wo dieses Instrument bereits eine große Rolle spielte. Die verträumten Saxofonparts auf dem ersten Album wurden von Poppy Richler gespielt, die auf diesem zweiten Album mehr als angemessen durch Nathan Pigott ersetzt wurde. Sein Saxofonspiel verleiht der Musik dieselbe Atmosphäre wie der Musik auf David Bowies “Blackstar”. Die Texte handeln von existenziellen Themen und vom Widerstand gegen das Absurde, inspiriert von Philosophen wie Albert Camus. Sowohl musikalisch als auch textlich also recht schwere Kost. Deadletter hat mit “Existence Is Bliss” ein zweites Post-Punk-Juwel geschaffen. Hoffen wir nur, dass sie nicht für immer das bestgehütete Geheimnis dieses ohnehin nicht sehr bekannten Genres bleiben. Deadletter verdient ein größeres Publikum, als sie derzeit haben. (Ad Keepers) (8/10) (So Recordings)
Pat Metheny – Side Eye III+
Metheny ist der sanfteste Tornado im Jazz. “Side Eye III+” ist der dritte Teil seiner Side-Eye-Serie, in der er jeweils junge Talente zu einem musikalischen Gespräch einlädt, und zugleich der abwechslungsreichste und energiegeladenste der drei. Die Chemie zwischen den Gruppenmitgliedern steckt in den Feinheiten: kleine rhythmische Verschiebungen, unerwartete harmonische Wendungen, Pausen, die mehr sagen als Noten. Wer mit Jazz beginnt und einen Ankerpunkt sucht, sollte zuerst sein legendäres Album “Bright Size Life” hören. Side Eye III+ ist anspruchsvoller, beweist aber, dass Metheny mit siebzig noch immer die jungen Musiker auf der eigenen Spielwiese einholt. Für Jazzliebhaber nicht zu verpassen. (Jan Vranken) (8/10) (Modern Recordings)






