Richard Barbieri – Hauntings

Lehnen Sie sich zurück, denn Richard Barbieri erschließt sich nie auf einmal. Waren seine Beiträge bei Japan und Porcupine Tree noch einigermaßen zugänglich, verlangt sein Solowerk eine enorme Ausdauer und den absoluten Willen, die Kompositionen von “Hauntings” zu durchdringen. Ihn als ‘Keyboarder’ zu bezeichnen, wird ihm nicht gerecht: Er ist ein Meister des Klangs in all seinen Facetten, Tonhöhe, Tiefe, Farbe und Zeit. Alles bestimmt, wie ein Klang vom Hörer wahrgenommen wird. Barbieri baut mit Klang und tut dies mit bemerkenswerter Präzision, wobei er sich alle Zeit nimmt.

Auch als Hörer sollte man sich nicht beeilen. Die Kompositionen entfalten sich langsam, beinahe zögernd, als müsste jede Note erst den Raum erkunden, bevor sie sich vollständig zeigt, wie eine Landschaft, die im Frühling erwacht. Die Wolkendecke reißt auf und die ersten Knospen erscheinen, gefolgt von der üppigen Blüte von Pflanzen, die wissen, dass ihnen nur wenige Wochen bleiben, um sich in voller Pracht zu zeigen. So erschafft Barbieri eine Klanglandschaft, indem er Synthesizer-Schichten übereinanderlegt, unterstützt von subtilen perkussiven Elementen.

Es ist Ambient, zweifellos, aber im Gegensatz zu vielen anderen Veröffentlichungen dieses Genres driftet es nicht in esoterisches Gemurmel ab. Das ist bemerkenswert, denn auf “Hauntings” sind klare melodische Linien kaum vorhanden. Die Musik bewegt sich organisch, deutet an statt festzulegen, ist nie klar umrissen, aber keineswegs ‘schwebend’, da die Kompositionen durchaus Struktur besitzen. Stücke wie “Anemonia”, bei denen die Percussion kurzzeitig in den Vordergrund tritt. Darauf folgt das bedrohliche “Victorian Wrath”, der erste Titel, bei dem der Albumtitel deutlich wird.

Die Menschheit wird ständig vorangetrieben, als Opfer ihrer eigenen Zeit. Barbieri lässt uns durch das viktorianische London wandern, in einer Epoche, die sowohl nach dem Vertrauten als auch nach dem Neuen verlangte. Es war der Beginn eines ungleichen Klassenkampfes, mit dem Aufstieg einer selbstbewussten Mittelschicht und dem Wachstum einer großen Arbeiterklasse. Anschließend führt er uns in das Paris der Belle Époque, ebenso wie das viktorianische Zeitalter, eine Zeit, in der der Glaube vorherrschte, dass alles möglich sei.

Dies bildet den Auftakt zu Stücken wie “Traveler” und “A New Simulation”, die unsere moderne Zeit reflektieren. Unsere Zeit ist lebendig, nährt aber auch die Angst vor dem, was noch kommt. Dank moderner Technik wissen wir minutengenau, wo auf diesem Planeten Konflikte stattfinden. Wir verfolgen Brände live über verschiedene Medien. Der einzige Trost, der uns letztlich immer bleibt, ist die Musik.

“Hauntings” enthält Stücke, die ausnahmslos hervorragend gemastert und produziert sind. Der Detailreichtum im Mix ist beeindruckend. “Hauntings” ist kein Album mit einzelnen Tracks, sondern eine Suite, die idealerweise von einem Orchester aufgeführt werden sollte, das in der Lage ist, Barbieris Klangwelten zu übersetzen. Eine solche Aufführung erlebt man, sie durchströmt einen und bleibt anschließend im Gedächtnis. Langsam und unausweichlich. (8/10) (V2 Records)

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