Übersicht über die Albumrezensionen: Olivia Marsh, Kemuel Roig und mehr
Jede Woche treffen Dutzende neuer Alben in der Redaktion von Maxazine ein. Viel zu viele, um sie alle anzuhören, geschweige denn zu rezensieren. Eine Rezension jeden Tag bedeutet, dass zu viele Alben zurückbleiben. Und das ist eine Schande. Deshalb veröffentlichen wir heute eine Übersicht der Alben, die in Kurzrezensionen in der Redaktion eintreffen.
Braxton Keith – Real Damn Deal
Auf seinem Debütalbum “Real Damn Deal” steckt der aus Midland stammende Braxton Keith seine Flagge in den Honky-Tonk-Schlamm und weigert sich, ihn wieder zu verlassen. Fünfzehn Tracks, vierundzwanzig Minuten reiner Genuss, und eine Produktion von Alex Torrez und David Dorn, die zwischen Bob Wills Swing und radiotauglichem Nashville-Glanz pendelt. ‘I Ain’t Tryin” rollt wie ein Two-Step aus einer texanischen Tanzhalle von vor sechzig Jahren, während ‘Wind Blows’ und ‘Baby You Do’ eher in Richtung Dierks Bentley gehen. Die Stimme hat diesen fast komischen, hohen Twang eines Mannes, der wirklich glaubt, er sei die echte Sache. Das Problem liegt in den Credits: zehn Co-Writes mit Liz Rose, Chris Stapleton, Jim Lauderdale und anderen riechen nach Hitfabrik. Wer schon ‘I Own This Bar’ gehört hat, weiß, was die Formel liefert. Zugänglich, kompetent, ohne einen einzigen Moment echter Gefahr. (Elodie Renard) (8/10) (Warner Records Nashville)
Melani Granci – To Some Place New
“To Some Place New” ist das Debüt der französisch-italienischen Komponistin und Pianistin Melani Granci. Und als Debüt sucht auch Granci nach einer eigenen Klangsprache. Ob ihr das vollständig gelingt, ist fraglich. Die acht Stücke zeugen von handwerklichem Können, das man von einer Absolventin des Saint Louis in Rom und später der Guildhall School of Music and Drama in London erwarten darf. Gleichzeitig hat sie sich in lokalen Jazzclubs die Finger wund gespielt. Genug Flugstunden, und damit legt man als Hörer die Messlatte hoch. Die Kompositionen sind solide gebaut, ebenso die Arrangements, in denen neben dem Klavier auch das Akkordeon von James Pettinger eine wichtige Rolle spielt, etwa im zurückgenommenen ‘Maria’s Song’. Dennoch gibt es keine echten Überraschungen. Im Gegenteil, manche Elemente nerven sogar, etwa der wortlose Gesang von Aitzi Cofre Real. Wenn Real sich schließlich in ‘When You Feel Like It’ entlädt, zeigt Granci, dass sie mit 88 Tasten neue Welten öffnen kann. Ein solides Debüt, aber die Messlatte wurde nicht erreicht. (Jeroen Mulder) (6/10) (Milena Granci)
Rhododendron – Ascent Effort
Das Portlander Trio Rhododendron liefert mit “Ascent Effort” (The Flenser, 2026) ein zweites Album ab, das sich keiner Kategorie unterordnen lässt und darauf stolz ist. Fünf Songs, vierzig Minuten, aufgenommen von Nicholas Wilbur in Anacortes. Ezra Chong (Gitarre, Gesang), Gage Walker (Bass) und Noah Mortola (Schlagzeug) bewegen sich im Zwielicht zwischen Math Rock, Post-Hardcore, Jazz Fusion und dem kantigen Erbe von Slint und Rodan. Der Opener ‘Firmament’ beginnt synthetisch und neblig und entwickelt sich über acht Minuten zu etwas, das an Biffy Clyro erinnert, ohne es zu werden. ‘Like Spitting Out Copper’ kippt zur Hälfte von cineastischem Bass in reines Schreien. Der Abschluss ‘Within Crippling Light’ mit dreizehn Minuten greift nach dem Sublimen und hält es dann etwa zwei Minuten zu lange fest. Ein Album, das den Hörer erobert, indem es ihm nicht entgegenkommt. (Anton Dupont) (8/10) (The Flenser)
Olivia Marsh – Paraglider
Mit ihrer zweiten EP “Paraglider” (Warner Music Korea, 2026) liefert die australisch-koreanische Olivia Marsh fünf Songs, die so schweben, wie der Titel verspricht. Die ehemalige Songwriterin für Kep1er und Kiss Of Life, aufgewachsen zwischen Newcastle (NSW) und Seoul, entwickelt sich weiter als Sängerin und Komponistin auf einer EP, die laut eigener Aussage nach starker Turbulenz während eines Fluges entstanden ist. Der Fokus-Track ‘Roll’ ist treibender Indiepop über eine flüchtige Begegnung, die nur im Dunkeln existierte. Die luftige, atmende Produktion steht näher an Tame Impala als an der K-Pop-Maschine, in der Marsh ihr Handwerk gelernt hat. ‘Stranger Tides’ und ‘One Touch’ bestätigen, dass sie stärker in der Atmosphäre als in den Refrains sind. Wer ‘Strategy’ von ihrer Debüt-EP “Meanwhile” kennt, erkennt dieselbe flüsternde Intimität, nun mit mehr Selbstvertrauen. Kurz, schön, und schade, dass es nur fünf Songs sind. (Jan Vranken) (7/10) (Warner Music Korea)
Kemuel Roig – Both Sides Now
Achtzig Minuten. Das ist die Laufzeit des in Kuba geborenen Pianisten Kemuel Roig. Ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis, und bis Track zehn gibt es nichts zu beanstanden, und man lässt sich gern von Roigs Interpretationen von Songs tragen, die ihm am Herzen liegen. Der Opener ‘Junk’, geschrieben 1970 von Paul McCartney, ist eine klare Aussage. In Roigs Version wird der Walzer noch weiter verlangsamt, mit sehr lange gehaltenen Tönen. Man hört die phänomenale Technik des Pianisten, seine enorme Kontrolle und seine absolute Liebe zur Melodie. Eine Reihe von Songwritern und Komponisten zieht vorbei. Von Joni Mitchell (das Titelstück stammt von ihr) bis Cole Porter und Michel Legrand. In ‘Contigo Aprendí’ und ‘Esta Tarde Vi Llover’ zeigt er auch seine Wurzeln. Kubanisches Gefühl, aber mit subtilen Einflüssen aus Jazz und klassischer Romantik. Es sind Roig und sein Klavier. Das reicht eine Stunde lang, aber achtzig Minuten sind für ein Solo-Klavieralbum dieses Genres einfach zu viel. Ein Produzent hätte eingreifen müssen und eine Auswahl aus den dreizehn Stücken treffen sollen. Kill your darlings. (Jeroen Mulder) (7/10) (Life In Music)






