Björn Meyer – Convergence

In einer Zeit, in der Virtuosität allzu oft mit Geschwindigkeit und technischer Akrobatik verwechselt wird, bietet Björn Meyer etwas Radikal anderes: Zurückhaltung als Offenbarung. Auf “Convergence”, seinem zweiten Solo-Ausflug für das legendäre ECM-Label, spielt der in Schweden geborene Bassist nicht nur seinen sechssaitigen E-Bass, sondern er lässt das Instrument atmen, spuken und die riesigen akustischen Räume zwischen den Noten wie einen Geist bewohnen, der nach Form sucht.

Sieben Jahre nach seinem vielgelobten Debüt “Provenance” verlegte Meyer sein musikalisches Labor von Luganos responsivem Auditorio Stelio Molo in die Bavaria Musikstudios in München, einen Raum, der von der Tradition der Filmmusik durchdrungen ist. Eine passende Wahl. Diese neun Kompositionen wirken weniger wie konventionelle Bassperformances und mehr wie filmische Klanglandschaften, wobei jeder Track lebendige mentale Bilder durch Meyers meisterhafte Manipulation von Textur, Raum und Zeit erzeugt.

Der eröffnende Titeltrack setzt sofort den meditativen Ton des Albums. Anstatt sich mit dem brustklopfenden Selbstvertrauen typischer Solo-Bass-Alben anzukündigen, wählt Meyer Intimität über Wirkung und nutzt Delays, Reverbs und Live-Effekte, um zunächst wie Postproduktionszauberei klingende Klänge zu erzeugen, die sich bei näherem Hinhören als Echtzeit-Ballett technischer Kontrolle und künstlerischer Sensibilität entpuppen. Sein Instrument unterstützt nicht nur Melodien; es wird zu einem vollständigen Orchester für sich, fähig, alles hervorzurufen, vom Vogelgezwitscher bis zum sanften Summen der erwachenden Natur.

“Gravity” ist der direkt packendste Moment des Albums und zeigt Meyers elegantes polymetrisches Zupfen, das die physische Präsenz des Basses fest verankert und gleichzeitig übersteigt. Wie Jaco Pastorius’ “Portrait of Tracy”, seiner Flamboyanz beraubt und neu gedacht, als würde man durch eine Ambient-Linse auf eine Landschaft blicken, beweist der Track, dass der E-Bass mit der emotionalen Direktheit jedes Lead-Instruments singen kann, wenn er in so geschickte und durchdachte Hände gelegt wird.

Das experimentelle Herz von “Convergence” schlägt am stärksten in “Rewired” und “Magnétique”, wo Meyer Bass-Techniken mit Magneten und Metallstäben einsetzt, um perkussive, metallische Texturen hervorzurufen, die sowohl auf John Cages avantgardistische Innovationen als auch auf die hypnotischen Rhythmen der afrikanischen Mbira-Musik anspielen. Diese Momente zeigen, dass Meyers jahrzehntelanger Aufenthalt bei Nik Bärtschs Ronin nicht nur das Halten des Taktes betraf, sondern das Verständnis von Rhythmus als Architektur, als skelettartiges Gerüst, auf dem ganze klangliche Universen aufgebaut werden können.

“Hiver” fängt etwas Unfassbares ein, die spezifische Lichtqualität, die an einem bewölkten Winternachmittag kurz vor dem Schneefall eintrifft. Hier wird Meyers Wachstum als Melodist am deutlichsten. Die sehnsüchtige, fast vokale Qualität seiner Linien zeigt, dass technische Innovation und emotionale Tiefe keine gegensätzlichen Kräfte sein müssen. Unterdessen hält “Drift” seinen Namen ein, mit reflektierenden Texturen, die den Zuhörer in einen Strom reinen Klangs ziehen und passives Hören in aktive Meditation verwandeln.

Dennoch ist “Convergence” nicht ohne Einschränkungen. Trotz all seines Könnens und seiner Vorstellungskraft kämpft das Album gelegentlich darum, das Momentum über die gesamte Spielzeit zu halten. Genau die Qualitäten, die einzelne Tracks so faszinierend machen – ihre Räumlichkeit, ihre Weigerung, zur Auflösung zu eilen –, können das Gesamterlebnis statisch statt transformativ erscheinen lassen. Im Gegensatz zu seiner Arbeit mit dem tunesischen Oud-Meister Anouar Brahem, wo Meyers Bass entscheidendes Kontrapunkt- und Dialogmaterial lieferte, muss er hier allein das Interesse aufrechterhalten, und das Gespräch wirkt manchmal einseitig.

Der Abschlusstrack “Nesodden”, hier auf Vorschlag des legendären ECM-Produzenten Manfred Eicher platziert, bietet eine befriedigende Lösung, mit seiner klassisch orientierten Melodie, die einen sanften Ausklang bietet und die unterschiedlichen Fäden des Albums zusammenführt. Es ist eine Erinnerung daran, dass Meyer den Erzählbogen versteht, selbst in so abstrakter Musik, dass er nicht nur klangliche Texturen schafft, sondern auch Geschichten erzählt.

“Convergence” gelingt schließlich als tiefgehende Meditation darüber, was der E-Bass werden kann, wenn er von seiner traditionellen Rolle als rhythmischer Anker und harmonische Grundlage befreit wird. Meyer hinterfragt nicht nur konventionelle Vorstellungen über sein Instrument, er wischt sie beiseite und zeigt den E-Bass als Fahrzeug für Ambient-Erkundung, minimalistische Komposition und reine musikalische Dichtung. Auch wenn er vielleicht nicht die transzendenten Höhen der ikonischsten ECM-Veröffentlichungen erreicht, etabliert er Meyer fest als einen der furchtlosesten und innovativsten Bassisten der zeitgenössischen Musik, ein Künstler, der mehr daran interessiert ist, neue musikalische Sprachen zu entdecken als alte zu perfektionieren.

Dies ist Musik zum tiefen Hören, für diejenigen, die bereit sind, sich dem bewussten Tempo und den sorgfältig konstruierten Atmosphären hinzugeben, die das Bewusstsein durchdringen. In Meyers Händen wird der Bass nicht nur zu einem Instrument, sondern zu einer Meditation über den Raum selbst, den Raum zwischen den Noten, zwischen Stille und Klang, zwischen dem, was Musik ist, und dem, was sie noch werden könnte. (7/10) (ECM Records)

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