Übersicht über die Albumrezensionen: Mamas Gun, Linda Perry  und mehr

Jede Woche treffen Dutzende neuer Alben in der Redaktion von Maxazine ein. Viel zu viele, um sie alle anzuhören, geschweige denn zu rezensieren. Eine Rezension jeden Tag bedeutet, dass zu viele Alben zurückbleiben. Und das ist eine Schande. Deshalb veröffentlichen wir heute eine Übersicht der Alben, die in Kurzrezensionen in der Redaktion eintreffen.

Foto (c) Jorge Fakhouri

Bobby Broom – Notes of Thanks

Es gibt einige Jazzgiganten, die so stark komponiert haben, dass ihre Stücke auf nahezu jedem Instrument funktionieren. Thelonious Monk gehört eindeutig dazu: unser eigener Sven Figee hat bereits ein wunderschönes Tribute Album mit dem Titel “Sphere” mit Werken von Monk veröffentlicht. Ein weiterer großer Name ist Sonny Rollins. Der heute 95 jährige Saxophonist gilt als einer der einflussreichsten Jazzkomponisten. Zu Recht erhielt Rollins 2004 einen Grammy für sein Lebenswerk. Es braucht daher eine große Portion Mut, Kompositionen dieser Größe neu zu interpretieren. Bobby Broom tut genau das mit zehn Kompositionen, die er für Gitarre neu gestaltet. Die zentrale Frage ist, ob das funktioniert. Die einfache Antwort lautet ja. Die Stücke klingen, als wären sie ursprünglich für sechs Saiten geschrieben worden, so natürlich wirken die Arrangements. Brooms Spiel auf der Hollow Body Gitarre wirkt schlicht, trifft aber den Kern jeder Komposition. “Alfie’s Theme”, “Doxy” (das im Katalog der Jazzstandards enthalten ist) und “Pent Up House” bleiben erkennbar, werden aber bereichert, mit Respekt vor dem Original und genug Mut, jeder Komposition eine eigene Broom Identität zu geben. “Notes of Thanks” ist damit eine würdige Hommage geworden, eher eine tiefe Verbeugung, ein ehrliches ‘Danke’. Eine sehr stilvolle Verbeugung. (Jeroen Mulder) (8/10) (Clean Sweep Music)

Einar Solberg – Vox Occulta

Das filmische “Vox Occulta” ist das zweite Soloalbum von Einar Solberg (Leprous). Von der ersten Sekunde an bin ich gefesselt. Die Intros sind allesamt außergewöhnlich. Die Enden sind oft plötzlich, aber schön. Jeder Track ist sehr unterschiedlich, aber alle sind komplex. Einars Gesang ist extrem vielseitig. Sowohl sein sanfter als auch sein kraftvoller Gesang ist stellenweise intensiv und emotional. Manchmal wechselt seine Stimme plötzlich von sehr zurückhaltend zu fast schreiend. Er singt mal melodisch und mal stakkatoartig, außerdem ist der Gesang teilweise geschichtet. Trotz oder gerade wegen dieser Unterschiede bleibt alles im Gleichgewicht. Die Texte lassen sich auf verschiedene Weise interpretieren. Auch die Musik enthält zahlreiche, manchmal plötzliche Veränderungen in Tempo, Lautstärke und Emotion. Ich bin immer wieder berührt oder bekomme Gänsehaut. Sowohl das Zusammenspiel als auch der Wechsel zwischen Symphonie und Metal sind hervorragend. Nach dem großartigen Epos “Grex” folgt der letzte Titel mit seinem plötzlichen Ende. Ich lasse die Stille kurz wirken, denn “Vox Occulta” ist besonders und beeindruckend. (Esther Kessel Tamerus) (9/10) (InsideOut Music)

Meatshell – The Elevator Child

Unser Land hat einen Ruf zu verteidigen, wenn es um künstlerische Freiheit geht. Institutionen wie das Amsterdamer Konservatorium ziehen Jazzmusiker an, die Grenzen nicht nur verschieben, sondern komplett neu ziehen wollen. Die Sängerin und Bassistin Helen Svoboba und der Saxophonist Andrew Saragossi sind ein gutes Beispiel. Das Duo verließ Brisbane in Australien und sorgt seit 2018 als Meatshell für Aufsehen, unter anderem als Gewinner der Maastricht Jazz Awards 2020. “The Elevator Child” ist ihr drittes Album und bislang ihr experimentellstes Werk. Während frühere Arbeiten stark auf akustischem Material basierten, wird hier reichlich Elektronik eingesetzt, auch wenn Tenorsaxophon und Gesang im Zentrum bleiben. Das Album entstand größtenteils aus Improvisation, was man in der unregelmäßigen, diffusen Struktur der Kompositionen hört, die manchmal fragmentarisch und sogar chaotisch wirken, aber dennoch genug fesseln, um weiterzuhören. Auf “Scrape It Off” wird das Duo am Schlagzeug von Dylan van der Schyff begleitet, einem erfahrenen Kanadier, was sofort Richtung gibt. Damit hätte Meatshell sich selbst und einem breiteren Publikum einen Dienst erweisen können. Insgesamt ist “The Elevator Child” ein perfektes Spiegelbild unserer Zeit. Chaotisch und manchmal fast absurd. Manchmal sehr unangenehm. Eine Zeit, die Aufmerksamkeit verlangt. Genau wie diese Musik. (Jeroen Mulder) (7/10) (Earshift Music)

Mamas Gun – Dig!

Mamas Gun veröffentlichte 2009 ihr Debütalbum “Routes To Riches”. Damit hatte die Band besonders in Asien Erfolg und wurde sogar das meistgespielte internationale Album im japanischen Radio. Die Band um Andy Platts, den manche vielleicht besser als den jungen Musiker von Young Gun Silver Fox kennen, veröffentlicht mit “Dig!” ihr sechstes Studioalbum und bleibt dem Stil treu, den wir von der Band und Young Gun Silver Fox kennen. Wundervoll fließender West Coast Soul. Mamas Gun tendiert hier stärker in Richtung Soul. Eine ideale Platte für den Sommer. Platts Gesang bleibt beneidenswert. Es wirkt mühelos, was für eine angenehme Stimme. Das Album ist voller musikalischer Handwerkskunst. Ein Sommerabend mit einem guten Craft Bier beim Sonnenuntergang. Was will man mehr? (Rik Moors) (7/10) (Monty Music Ltd)

Linda Perry – Let it Die Here

Linda Perry ist dem breiten Publikum vor allem als die Frau mit dem hohen Hut und der Pilotenbrille bekannt. “What’s Up?” war ein Welthit und 4 Non Blondes landete mit dem Album “Bigger, Better, Faster, More!” (1992) einen Erfolg, wurde aber als One Hit Wonder abgestempelt. Das wird ihrer Karriere jedoch nicht gerecht. Die heute 61 jährige Perry hat sich als Songwriterin und Produzentin ein beeindruckendes Werk aufgebaut. Songs wie “No Bravery” (James Blunt), “Superwoman” (Alicia Keys), “Get the Party Started” (P!nk) und “Beautiful” (Christina Aguilera) stammen aus ihrer Feder. Letzterer kehrt auf “Let It Die Here” zurück, diesmal von Perry selbst gesungen. Diese Vielseitigkeit der Künstler spiegelt sich in einer reichen und abwechslungsreichen Klangpalette wider. Perry bewegt sich mühelos zwischen verschiedenen Stilen und zeigt, dass sie weiterhin starke Songs schreiben kann. Ihre Stimme ist flexibel: tief, rau, kraftvoll und gleichzeitig sensibel. In Kombination mit den präzisen Kompositionen ergibt das ein sehr angenehm zu hörendes Album. Mit siebzehn Titeln und 57 Minuten Spielzeit wirkt “Let It Die Here” überraschend kompakt und flüssig. Das Album strahlt weiterhin Lebensenergie und kreative Kraft aus. Perry beweist, dass sie noch lange nicht am Ende ist. What’s Next? (Bart van de Sande) (7/10) (Kill Rock Stars 670 Records)

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