Ed O’Brien – Blue Morpho

Ed O’Brien, bekannt als Gitarrist von Radiohead, kehrt mit “Blue Morpho” auf einen Solopfad zurück, der deutlich weiter ausgearbeitet ist als seine früheren Arbeiten. Während sein erstes Soloalbum noch suchend und fragmentarisch wirkte, klingt dieses zweite Album konsistenter und stärker auf Atmosphäre und Klangfarbe als auf traditionelle Songstrukturen ausgerichtet.

Das Album eröffnet mit “Incantations”, einem langsam aufgebauten Stück, in dem sich Ambient-Schichten und Gitarrentexturen gegenseitig erkunden, ohne dass ein klarer Höhepunkt entsteht. Diese Entscheidung setzt sofort den Ton für das gesamte Album: keine Eile, kein Fokus auf Refrains, sondern ein Ansatz, der eher filmisch als poporientiert ist. O’Brien setzt hier bewusst auf Raum, etwas, das er bereits in seiner Arbeit mit Radiohead angedeutet hatte, hier aber vollständig in den Mittelpunkt stellt.

Der Titeltrack “Blue Morpho” bildet das emotionale Zentrum der Platte. Die Komposition bewegt sich zwischen sanfter Elektronik und schwebenden Gitarrenlinien, wobei der Gesang eher als zusätzliches Instrument denn als führende Stimme funktioniert. Das Ergebnis ist ein Stück, das sich langsam unter die Haut schiebt, ohne sich aufzudrängen.

In “Sweet Spot” wird die Klangpalette etwas rhythmischer, auch wenn das Ganze weiterhin zurückhaltend bleibt. Hier hört man einen subtilen Groove, der das Album kurz aus der vollständigen Introspektion heraushebt. Dennoch bleibt der Fokus auf Textur und Atmosphäre, sodass es nie wirklich zu einem konventionellen Popmoment wird. “Teachers” und “Solfeggio” vertiefen dieses Gefühl weiter mit minimalistischen Strukturen und sich wiederholenden Motiven, die fast meditativ wirken.

In der Mitte des Albums entsteht eine Art Stillstand, der sowohl die Stärke als auch die Grenze dieser Platte offenlegt. Stücke wie “Thin Places” zeigen, wie weit O’Brien bereit ist zu gehen, indem er musikalische Elemente auf fast abstrakte Strukturen reduziert. Das ist faszinierend, verlangt aber Aufmerksamkeit und Geduld vom Hörer.

Der Abschluss “Obrigado” führt alles auf warme und leicht melancholische Weise zusammen. Es ist der zugänglichste Moment der Platte, ohne vollständig mit der zuvor aufgebauten Atmosphäre zu brechen. Vielmehr wirkt er wie eine sanfte Rückkehr zu etwas Menschlichem innerhalb eines ansonsten stark atmosphärischen Gesamtbildes.

“Blue Morpho” ist eine Platte, die nicht auf unmittelbare Wirkung abzielt, sondern auf langfristige Wirkung. Nicht jede Idee ist gleich stark ausgearbeitet und einige Passagen verharren zu sehr in Stimmung, aber insgesamt zeigt das Album einen Künstler, der sich bewusst von konventionellen Strukturen entfernt. (7/10) (Transgressive Records)

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