Mastodon – Marrow Deep
Ein Mastodon ist ein kolossaler Dickhäuter und Pflanzenfresser mit Stoßzähnen und knubbeligen Backenzähnen. Ein ausgezeichneter Name für eine Band. Die Geschichte besagt, dass der leider 2025 verstorbene Gitarrist Brent Hinds auf das Tattoo eines Bantha-Schädels blickte, das Gitarrist Bill Kelliher auf seinem Arm hatte, und sich dachte, dass Mastodon ein ausgezeichneter Name für die Band wäre. Zum Glück, denn frühere Ideen wie Abra Cadaver, Savage Hamper oder Rabid Taxi hätten vielleicht doch etwas weniger breite Resonanz gefunden.
Mit “Marrow Deep” legt Mastodon inzwischen sein neuntes Studioalbum vor. Dieses Mal ohne Brent Hinds, der die Band kurz zuvor aufgrund von Reibereien, Gebrauch und unterschiedlicher Vorstellungen verlassen hatte. Sein Weggang erhielt durch seinen Tod im Jahr 2025 natürlich eine weitaus größere Bedeutung. Nach 25 Jahren wird eine Band zudem zu einer zweiten Familie, insbesondere wenn die Besetzung all diese Jahre weitgehend stabil geblieben ist.
Das kommt auch auf dem dritten Song des Albums, “Your Ghost Again”, zum Ausdruck. Allein der Titel sagt viel. Die Erinnerung an Brent scheint ständig im Hintergrund präsent zu sein, und die Energie von Schlagzeuger Brann Dailor verleiht dem Song regelmäßig zusätzlichen Schub. Es ist ein Song, in dem der Verlust nicht mit großen Gesten ausgesprochen wird, sondern vor allem in der Musik spürbar ist.
Aber wie es sich für Mastodon gehört, startet das Album auch groß und kraftvoll mit “Barbarian’s Blood”, einem wilden Auftakt mit Tempowechseln, auf die Mastodon inzwischen beinahe ein Patent zu haben scheint. Präzise, solide und mit Bravour gespielt. Sofort wird deutlich, dass die Band nach 25 Jahren nicht vorhat, einen Gang zurückzuschalten.
Mit “Marrow Deep” kommt zwanzig Jahre nach “Blood Mountain” außerdem eine erneute Zusammenarbeit mit Josh Homme von Queens of the Stone Age bei dem Song “Snakes for Dinner”. Dadurch ergibt sich zugleich eine deutlichere Bekanntschaft mit dem Gitarristen, der Brent Hinds bei Mastodon ersetzt hat: Nick Johnston. Johnston gibt mit einem kraftvollen Solo seine Visitenkarte ab und zeigt, dass er nicht nur als Ersatz für Hinds verpflichtet wurde, sondern der Band tatsächlich etwas hinzufügen kann. Zudem erhält er Mitautoren-Credits für den Song.
Die Vielfalt an Talent und individuellen Beiträgen ist ohnehin eine Stärke der Band. Bassist Troy Sanders liefert den tiefsten und rauesten Gesang in den Songs, während Schlagzeuger Brann Dailor für die melodischeren Parts verantwortlich ist. Gitarrist Bill Kelliher steuert meist zum Hintergrundgesang bei. Diese unterschiedlichen Stimmen und musikalischen Rollen sorgen dafür, dass Mastodon nie vollständig auf ein Gesicht oder einen Sound setzt.
Die Musikalität aller Bandmitglieder sorgt außerdem dafür, dass viele Ideen, Dynamik und Wechsel in den Songs stecken. Dadurch kann in einem einzigen Mastodon-Song unglaublich viel passieren. Das ist eine der Stärken der Band, gleichzeitig aber auch ein kleiner Kritikpunkt bei “Marrow Deep”.
Es kann nämlich manchmal dazu beitragen, dass scheinbar wenig Raum zum Atmen bleibt. Wenn man kurz blinzelt, kann man schon einen wichtigen Abschnitt verpasst haben. Mastodon zu hören erfordert Konzentration, um alles mitzubekommen, was die Bandmitglieder hineingesteckt haben. Das macht “Marrow Deep” vielleicht nicht zum zugänglichsten Album für ein flüchtiges Anhören. Demgegenüber wird derjenige, der ein gut gefülltes Album mit vielen Nuancen und Details mag, von “Marrow Deep” nicht enttäuscht sein. Gerade beim wiederholten Hören gibt es immer wieder etwas Neues zu entdecken.
Vor allem gegen Ende zeigt Mastodon, dass es noch kein Fossil ist. “The Vanishing”, mit einem herrlichen Bassbeitrag von Geezer Butler und Gastgesang von Gojiras Joe Duplantier, ist dafür ein schönes Beispiel. Der Song verleiht dem Album erneut eine andere Farbe. Auch der Abschluss “The Three Fates” sorgt für ein wirbelndes Finale.
“Marrow Deep” ist damit kein Album, auf dem Mastodon sich völlig neu erfindet. Dafür ist die erkennbare Handschrift der Band zu stark präsent. Aber vielleicht muss das nach 25 Jahren auch überhaupt nicht sein. Die Band klingt noch immer wie Mastodon, während die Ankunft von Nick Johnston und die Ereignisse rund um Brent Hinds dem Sound und vor allem der Bedeutung des Albums durchaus eine neue Ebene hinzufügen. Mastodon ist noch nicht ausgestorben und ist weiterhin relevant. (8/10) (Loma Vista)

