Übersicht über die Albumrezensionen: Agnes Obel, Carly Rae Jepsen und mehr
Jede Woche treffen Dutzende neuer Alben in der Redaktion von Maxazine ein. Viel zu viele, um sie alle anzuhören, geschweige denn zu rezensieren. Eine Rezension jeden Tag bedeutet, dass zu viele Alben zurückbleiben. Und das ist eine Schande. Deshalb veröffentlichen wir heute eine Übersicht der Alben, die in Kurzrezensionen in der Redaktion eintreffen.
Jacob Wick – I’ll Make You Coffee While You Still Sleep
Es wird eine Menge Menschen geben, die bei der Eröffnung von “I’ll Make You Coffee While You Still Sleep” nicht über eine Minute hinauskommen werden. Wir werden mit einer Orgie aus unstrukturierten Klängen und der Stimme von Jacob Wick verwöhnt, der einen Text in einer improvisierten Melodie vorträgt. Der chaotische Beginn von “Every Day I Stand on the Balcony and Hope You Walk By” wird nur wenige dazu einladen, weiterzuhören, bis Wick seine Trompete an die Lippen setzt und vor allem dieses Instrument das Wort führen lässt. Wick ist nämlich vor allem ein wahnsinnig guter Trompeter, der sich auch auf diesem Album eigentlich überhaupt nicht um musikalische Grenzen schert. Seine Musik ist bisweilen rein experimentell, dazu gedacht, sich heranzutasten, zu erkunden und vor allem ein Statement abzugeben: Wick bleibt nicht innerhalb der Grenzen der Jazzmusik. Dennoch bildet dieser reine Jazz die Grundlage, insbesondere in Stücken wie “New Jersey Turnpike 3am Cold Coffee Stale Milk” und “Sentado en la barra con un Nazi y Ramón”, dessen Titel (“An der Bar sitzen mit einem Nazi und Ramón”) beispielhaft für das Unbehagen steht, das Wick fast permanent hervorruft und das ein Ziel an sich zu sein scheint. Alles reibt und scheuert, in eigenen Kompositionen ebenso wie in Interpretationen von Klassikern wie Sinatras “My Way” und Cole Porters “Every Time We Say Goodbye”. Frei von Konventionen, ausgesprochen eigenwillig und nicht selten eigentümlich. Diese Tasse Kaffee schlagen wir nicht aus. Stark, bitte. (Jeroen Mulder) (6/10) (Ropeadope)
Iron & Wine – Hen’s Teeth (Deluxe Edition)
Anfang dieses Jahres erschien das achte Album von Iron & Wine, “Hen’s Teeth”. Das Album wurde gleichzeitig mit dem Vorgänger “Light Verse” aus dem Jahr 2024 aufgenommen. Nun, noch im selben Jahr, erscheint eine Deluxe Edition mit sechs zusätzlichen Titeln. Davon waren “In Your Ocean” und “Grace Notes” bereits auf dem Album enthalten, nun jedoch in akustischer Form. Der Gedanke dahinter ist verständlich: Das Album wurde gut aufgenommen und während der Sessions entstand genügend Inspiration für neue Songs. Der Schritt zu einer Deluxe-Version war daher klein. Doch mehr ist nicht automatisch besser. Es liegt am Hörer zu bestimmen, wie diese Erweiterung im Verhältnis zur eigenen Aufmerksamkeitsspanne steht. Das ursprüngliche Album dauert bis zum abschließenden Stück “Half Measures” etwa vierzig Minuten. Das ist eine schöne Zeitspanne, um in die ruhige Musik von Iron & Wine einzutauchen, ohne in einem Siebzigerjahregefühl einzudösen. Außerdem bildete “Half Measures” einen gelungenen Abschied. Die Deluxe Edition knüpft daran mit “Three Strangers”, “California Sober”, “Pilgrim’s Highway” und “Say What” an. Auch in diesen Songs lässt Sam Beam erneut seine poetische Sicht auf die Welt, Verbindungen und Spiritualität hören. Dafür lässt sich durchaus etwas sagen, auch wenn die zusätzlichen Stücke nicht jedem Hörer gleich viel hinzufügen. (Bart van de Sande) (7/10) (Sub Pop)
Railroad Earth – Will of the Water
Nach vier Jahren Abwesenheit feiert die bekannte Americana-Band ihr fünfundzwanzigjähriges Jubiläum mit einem äußerst ausgewogenen neuen Studioalbum. Auf “Will of the Water” präsentiert die Band eine durchdachte Mischung aus traditionellem Folk, akustischem Bluegrass und raffinierten Country-Einflüssen. Die mitreißende Single “Let the River Flow” strahlt enorme musikalische Reife aus und bildet ein wunderbares Aushängeschild für diese Veröffentlichung. Gäste wie Ronnie McCoury bereichern das mitreißende “Stream of Time” mit virtuosem akustischem Saitenspiel. Auch das zurückhaltende “Winding Road” zeugt von außergewöhnlich präzisem handwerklichem Können und einer klaren künstlerischen Vision. Produktionstechnisch wurde ein äußerst transparenter Klang gewählt, in dem jedes Instrument perfekt zur Geltung kommt, ohne die übrigen Parts zu überlagern. Dieses stimmige Werk bietet Liebhabern authentischer Roots-Musik einen tiefgehenden Hörgenuss. (Cian Murphy) (8/10) (Ineffable Records)
Carly Rae Jepsen – Day and Night
Mit “Day and Night” liefert Carly Rae Jepsen genau das, was man von ihr erwarten darf: pures Popvergnügen, ohne Schnickschnack. Das Doppelalbum teilt sich in zwölf Songs für den Tag und zwölf für die Nacht auf, und diese Unterscheidung funktioniert überraschend gut. Die “Day”-Seite setzt auf sonnige Gitarren und psychedelische Klänge der Siebzigerjahre, mit Singles wie “On Wires” und “After All” als herausragenden Höhepunkten. Hier klingt Jepsen gelöster denn je, als müsste sie endlich niemandem mehr etwas beweisen. Sobald “Don’t Leave Me on the Dance Floor” beginnt, wechselt die Platte auf die Nachtseite, wo Synthesizer und Disco-Beats den Ton angeben. Dieser Kontrast zwischen organisch und elektronisch hält den Hörer über alle 24 Tracks bei der Stange, was für ein Album dieser Länge bemerkenswert ist. Nicht jeder Song ist ein Radiohit, aber die Atmosphäre bleibt erhalten und die unverkennbare Pop-Sensibilität von “Call Me Maybe” schimmert überall durch. Fans fröhlicher, tanzbarer Popmusik bekommen genau das, wofür sie kommen. Amerika liebt einen Popstar, der sich selbst nicht zu ernst nimmt, und Jepsen liefert dafür erneut den Beweis. (Daniel Harris) (7/10) (Interscope Records)
Agnes Obel – The Meaning of Flowers
Agnes Obel baut seit ihrem Debüt “Philharmonics” aus dem Jahr 2010 stetig an einem interessanten Werk. Wobei es dem Hörer überlassen bleibt zu bestimmen, ob dieses eine aufsteigende Entwicklung nimmt, gleichbleibt oder sogar abnimmt. Nach “Citizen of Glass” wechselte Obel zu Deutsche Grammophon, sozusagen dem Blue Note unter den Klassiklabels. Nicht wirklich überraschend, angesichts der Entwicklung, die sie auf ihren Alben zeigt, bei der Ruhe, Klanglandschaften und Experimente immer stärker die Oberhand gewinnen, während kompakte Kompositionen und Gesang in den Hintergrund treten. Auf “Myopia” von 2020 und noch mehr auf ihrem letzten Album “The Meaning of Flowers” setzt Obel häufiger Stimmenverfremder und Tonhöhenverschiebungen ein. Oder besser gesagt: ihre Stimme als eigenständiges Instrument. Dafür lässt sich durchaus etwas sagen, denn es bringt eine eigenwillige und vielschichtige Atmosphäre mit sich. Andererseits bedeutet es für Liebhaber ihrer frühen Periode, zur Zeit von “Philharmonics” und “Aventine”, zunehmend einen Abschied von ihrer natürlichen, wunderschönen Stimme. So ist für jeden etwas dabei. Wenn Sie die Singer-Songwriterin Agnes Obel bevorzugen, können Sie bis zu einem gewissen Grad noch bei “Citizen of Glass” fündig werden. Wenn Sie die meditative, Naturkostladen-Seite suchen, dann ist “The Meaning of Flowers” sicherlich ein audiophiles Hörerlebnis wert. (Bart van de Sande) (7/10) (Deutsche Grammophon)






