Perlen der Popmusik: Die Geschichte hinter Eddy Grant – “Electric Avenue”
Genau das macht diese Single so besonders. Hinter der fröhlichen, tanzbaren Fassade verbirgt sich ein Lied über Wut, Arbeitslosigkeit und ein Viertel, das 1981 in Flammen stand. Eddy Grant schrieb es aus Empörung und verpackte diese Gefühle in eine Melodie, zu der die Welt tanzen sollte. Der Song erreichte Platz eins in Kanada, Platz zwei in den Vereinigten Staaten, im Vereinigten Königreich und in Australien sowie die Top Ten unter anderem in Belgien, Irland, Österreich, der Schweiz, Deutschland, Schweden und den Niederlanden.
Wie kommt ein wütendes Lied über eine Marktstraße im Süden Londons ins Radio eines ganzen Kontinents? Es ist eine Geschichte über einen Jungen aus Guyana, eine multirassische Band aus den Sechzigern, einen verlorenen Koffer voller Songs und einen Musiksender, der genau im richtigen Moment ein neues Gesicht brauchte.
Eddy Grant
Edmond Montague Grant wurde am 5. März 1948 in Plaisance geboren, einem Dorf im damaligen Britisch-Guayana. Er wuchs teilweise in Linden auf. Sein Vater spielte Trompete in einer kleinen Band, und seine Eltern arbeiteten in England, von wo aus sie Geld nach Hause schickten, um die Ausbildung ihrer Söhne zu finanzieren. 1960 folgten Eddy und sein jüngerer Bruder Rudy ihnen nach Kentish Town in London. In der Schule lernte er, Musik zu lesen und zu schreiben, und nach einem Konzert von Chuck Berry stand seine Entscheidung fest: Er wollte in die Musikbranche.
Mit sechzehn gründete er zusammen mit Schulfreunden The Equals, eine der ersten britischen Bands mit sowohl weißen als auch schwarzen Mitgliedern. Er spielte Gitarre, sang im Hintergrund und schrieb die Songs. 1968 gelang der große Durchbruch mit “Baby, Come Back”, einem fröhlichen Popsong mit einer vorsichtigen Anspielung auf Reggae, der im Vereinigten Königreich Platz eins erreichte. Der Song erwies sich als unverwüstlich. 1994 stand er erneut an der Spitze der britischen Charts, diesmal in einer Version von Pato Banton mit Ali und Robin Campbell von UB40. Ein weiterer Song von Grant, “Police on My Back”, erlebte ein zweites Leben, als The Clash ihn 1980 für ihr Album “Sandinista!” aufnahmen.
Am 1. Januar 1971 erlitt Grant einen Herzinfarkt und einen Lungenkollaps. Er verließ die Band, um sich auf die Produktion zu konzentrieren, und baute 1972 ein eigenes Aufnahmestudio im Garten seines Hauses in Stamford Hill. 1974 folgte sein eigenes Label, Ice Records. Das sagt viel über den Mann aus: Er wollte alles selbst in der Hand behalten, vom Schreiben über die Aufnahme bis hin zur Veröffentlichung und den Rechten.
Seine Solokarriere begann zögerlich. Ein selbstbetiteltes Album aus dem Jahr 1975 hinterließ wenig Eindruck. Das Album “Message Man” von 1977, auf dem er alle Instrumente selbst spielte, gilt heute als früher Vorläufer des Soca, der energiegeladenen, tanzbaren Musik aus der Karibik. Mit “Walking on Sunshine” (1979) und der Single “Living on the Frontline” kam die Anerkennung im Vereinigten Königreich. Ein Jahr später erreichte “Do You Feel My Love” die Top Ten, und das Album “Can’t Get Enough” brachte ihm 1981 seinen ersten Eintrag in den britischen Albumcharts ein.
Sein Stil lässt sich nur schwer in eine einzige Schublade stecken. Reggae, Rock, Funk, Soul, Calypso und afrikanische Rhythmen vermischen sich, manchmal innerhalb eines einzigen Songs. 1982 zog er nach Barbados und eröffnete dort die Blue Wave Studios. Die Insel wurde zu seinem Zuhause, seinem Arbeitsplatz und dem Ort, an dem sein größter Hit entstand.
Electric Avenue
Electric Avenue gibt es tatsächlich. Es handelt sich um eine Marktstraße in Brixton im Süden Londons, und sie war die erste Marktstraße, die mit elektrischem Licht beleuchtet wurde. Grant lernte die Straße kennen, als er eine Zeit lang als Schauspieler am Black Theatre of Brixton arbeitete. Das Viertel ist für seine große karibische Gemeinschaft bekannt.
Im Frühjahr 1981 eskalierten die Spannungen in Brixton zu Unruhen. Hohe Arbeitslosigkeit, Armut, Rassismus und ein hartes Vorgehen der Polizei bildeten zusammen ein Pulverfass, das später in einem offiziellen Untersuchungsbericht beschrieben wurde. Grant war schockiert und wütend, und “Electric Avenue” war seine Antwort darauf. Kurz darauf zog er nach Barbados. Während der Reise ging ein Koffer mit einer Reihe neuer Songs im Gepäck verloren, sodass er innerhalb kurzer Zeit eine ganze Reihe neuer Stücke schreiben musste. “Electric Avenue” gehörte zu dieser neuen Auswahl und wurde in seinem eigenen Studio auf der Insel aufgenommen.
Musikalisch ist es eine ungewöhnliche Mischung. Funk, Reggae, Rock und New Wave vereinen sich zu einem Sound, der zugleich scharf und verspielt ist. Kreischende Synthesizer und ein vorwärtstreibender Rhythmus sorgen dafür, dass die Füße mitwippen, während der Text von einem Viertel in Not handelt. Auf dem dazugehörigen Album übernahm Grant selbst den Gesang und spielte Gitarre, Synthesizer und Schlagzeug. Der Kontrast zwischen dem fröhlichen Klang und dem ernsten Hintergrund verleiht dem Song eine Tiefe, die vielen Popsongs jener Zeit fehlt.
Das auf Barbados gedrehte Musikvideo spielte eine wichtige Rolle für den Erfolg in den USA. In ihren Anfangsjahren zeigte der Musiksender MTV fast ausschließlich Videos weißer Künstler, was viel Kritik hervorrief, auch von bekannten Musikern. Nachdem “Billie Jean” von Michael Jackson zu einem gigantischen Hit geworden war, suchte der Sender hastig nach weiteren schwarzen Künstlern für sein Programm. Grant kam mit seinem Video genau in diesem Moment.
Die Zahlen sprechen für sich. Im Vereinigten Königreich erreichte “Electric Avenue” Anfang 1983 Platz zwei. Die amerikanische Niederlassung der Plattenfirma veröffentlichte die Single später im selben Jahr, woraufhin sie fünf Wochen lang auf Platz zwei der Billboard Hot 100 stand. In der Chart des Magazins Cash Box erreichte sie sogar Platz eins. In Kanada wurde sie ein Nummer-eins-Hit, in Australien erreichte sie Platz zwei und in Irland Platz drei. In Belgien erreichte sie Platz drei, in Österreich und der Schweiz Platz sechs, in den niederländischen Top 40 ebenfalls Platz sechs sowie in Deutschland und Schweden Platz neun. Frankreich reagierte zurückhaltender, dort erreichte der Song Platz 37. In den Vereinigten Staaten wurde die Single für mehr als eine Million verkaufte Exemplare mit Platin ausgezeichnet, ebenso in Kanada, während sie im Vereinigten Königreich Silber erhielt. In den kanadischen Jahrescharts von 1983 schaffte es der Song sogar unter die ersten sechs.
Es lohnt sich, einen Blick auf die Musik jener Zeit zu werfen. Im Sommer 1981, als Brixton brannte, stand “Ghost Town” von The Specials an der Spitze der britischen Charts, ein düsterer und bedrohlicher Song über den Niedergang der Stadt. 1982 hatte Musical Youth mit einem Reggaesong voller jugendlicher Lebensfreude einen Welthit. Das Jahr 1983 drehte sich um “Billie Jean”, um den glatten, ausgefeilten Pop von The Police und Culture Club und um die Synthesizer, die überall ihren Durchbruch feierten. UB40 brachte Reggae in die oberen Chartregionen, meist jedoch in einer weicheren, gefälligeren Form. Grant befand sich genau dazwischen. Er hatte die Wurzeln des Reggae, den Glanz der New Wave und die unmittelbare Kraft des Rock und fügte eine gesellschaftliche Botschaft hinzu, auf die die meisten seiner Zeitgenossen lieber verzichteten. Es ist daher kaum verwunderlich, dass der Song für einen Grammy Award in der Kategorie Best R&B Song nominiert wurde. Die Auszeichnung ging an “Billie Jean”.
Auch danach tauchte das Lied immer wieder auf. 2001 veröffentlichte Peter Black eine neue Bearbeitung, den Ringbang Remix, der im Vereinigten Königreich Platz fünf erreichte. Der Remix schaffte es auch in Irland, den Niederlanden und den europäischen Charts in die Hitlisten, und eine Greatest-Hits-Compilation erreichte im Vereinigten Königreich Platz drei. Ein Song, der fast zwanzig Jahre zuvor entstanden war, klang plötzlich wieder neu.
Refugee Camp All Stars
Einen guten Popsong erkennt man daran, dass andere Musiker ihn übernehmen wollen. Von “Electric Avenue” gibt es mehrere Versionen, doch die bekannteste kam 1997 aus der Welt des Hip-Hop. Unter dem Namen Refugee Camp All Stars erschien “Avenues”, eine Neuinterpretation des Songs für den Soundtrack der Komödie “Money Talks”.
Refugee Camp All Stars war keine traditionelle Band. Es handelte sich um eine lose Gruppe von Künstlern und ein Produktionslabel rund um die Fugees, die einflussreiche Hip-Hop-Gruppe aus New Jersey mit Wyclef Jean, Lauryn Hill und Pras Michel. Bei “Avenues” übernahm Pras die Führung, und im Refrain war ein Reggaesänger zu hören, der selbst ein Sohn von Bob Marley ist. Dadurch erhielt der Song eine neue Ebene: Pras’ raue Rap-Strophen machten aus der Straße in London eine Geschichte über eine Straße in einer amerikanischen Großstadt, während die Reggae-Klänge die Verbindung zum Original bewahrten.
Das Publikum verstand die Anspielung. In den Vereinigten Staaten erreichte die neue Version Platz 35 der Billboard Hot 100. In Norwegen kam sie sogar auf Platz zwei, in Schweden auf Platz sieben, in Finnland auf Platz zwölf und in den niederländischen Top 40 auf Platz zehn. Später erschien der Song auch auf Pras’ Album “Ghetto Supastar”. Es ist ein schönes Beispiel dafür, wie ein Song aus dem Jahr 1983 in den Neunzigern wieder eine Rolle spielen konnte, diesmal in der Sprache einer neuen Generation.
Noch viele Jahre später folgte eine ganz andere Bearbeitung. 2009 veröffentlichte die walisische Band Skindred, die Alternative Metal mit Reggae und Dancehall verbindet, ihre eigene Version. Sie erschien auf ihrem Album “Shark Bites and Dog Fights”. Dass ein Song sowohl im Hip-Hop als auch im Metal funktioniert, sagt viel über die Kraft seiner Melodie und seines Rhythmus aus.
Killer on the Rampage
Das Album, auf dem “Electric Avenue” zu finden ist, erschien am 15. November 1982 bei Ice Records und Portrait Records. “Killer on the Rampage” ist Grants sechstes Studioalbum und bis heute sein erfolgreichstes. Es erreichte Platz sieben der britischen Albumcharts und Platz zehn der Billboard 200 in den Vereinigten Staaten. Darüber hinaus kam es in Kanada auf Platz vier, in Australien und Deutschland jeweils auf Platz elf, in Österreich auf Platz sechzehn, in Schweden auf Platz dreißig und in den Niederlanden auf Platz 45.
Die Entstehung des Albums hatte etwas von einer Notlösung. Weil einige seiner neuen Songs während des Umzugs verloren gegangen waren, musste Grant fast ein ganzes Album neu schreiben. Das Ergebnis ist eine abwechslungsreiche Platte. Sie wurde in seinem neuen Studio auf Barbados aufgenommen und umfasst zehn Songs mit einer Laufzeit von etwas mehr als vierzig Minuten. Rock, Funk, Pop, Reggae, Disco und New Wave gehen fließend ineinander über. Neben den beiden großen Hits stehen Stücke wie “It’s All in You”, “Funky Rock ‘N’ Roll”, “Latin Love Affair” und “Another Revolutionary”, die zeigen, wie breit sein musikalischer Geschmack war. Das Album beginnt mit “Electric Avenue” selbst.
Die erste Single des Albums, “I Don’t Wanna Dance”, war der Song, der im Herbst 1982 für das größte Aufsehen sorgte. Dieses unbeschwerte, wiegende Lied über eine beendete Beziehung entstand während einer Tournee, in den Minuten vor einem Auftritt. Es stand drei Wochen lang auf Platz eins im Vereinigten Königreich und wurde damit Grants einziger Solo-Nummer-eins-Hit dort. Anfang 1983 stand es auch in Flandern an der Spitze. Die Geschichte ist überraschend: Der größte britische Hit des Albums ist ein leichtes Liebeslied, während der Song, der schließlich die Welt eroberte, ein ernstes Thema behandelt. Eine dritte Single, “War Party”, folgte 1983, blieb im Vereinigten Königreich jedoch auf Platz 42 stehen.
Lange Zeit war das Album auf den großen Streamingdiensten nicht verfügbar, weil Grant mit der Art und Weise, wie diese Künstler bezahlten, nicht einverstanden war. Im Februar 2024 änderte sich das. “Killer on the Rampage” erschien wieder auf den bekannten Plattformen, sodass eine neue Generation von Hörern entdecken konnte, was die Platte so besonders macht.
Gimme Hope Jo’anna
Nach dem Erfolg von 1983 wurde es ruhiger um Grant. Er beschäftigte sich intensiv mit seinem Studio und seinem Label und schrieb unter anderem 1984 den Titelsong für den Film “Romancing the Stone”, ein Stück, das schließlich aus dem Film entfernt wurde und als Single nicht in die britischen Top Fünfzig gelangte. Seine Alben “Going for Broke”, “Born Tuff” und “File Under Rock” schafften es nicht in die Charts und brachten keine neuen Hits hervor. Viele Künstler würden in einer solchen Situation auf Nummer sicher gehen. Grant machte etwas anderes.
1988 veröffentlichte er “Gimme Hope Jo’anna”, einen fröhlich klingenden Song mit einer scharfen politischen Botschaft. Das Lied protestierte gegen die Apartheid, und der Titel spielt auf spielerische Weise auf Johannesburg an. Es erreichte Platz sieben im Vereinigten Königreich und wurde vom Apartheidregime verboten. Hier zeigt sich dieselbe Vorgehensweise wie bei “Electric Avenue”: eine eingängige Melodie, ein leichter Ton und ein ernster Kern. Das Publikum tanzte mit, und die Botschaft kam trotzdem an. 2008 stand Grant bei dem Konzert auf der Bühne, das anlässlich des neunzigsten Geburtstags von Nelson Mandela stattfand.
Danach nahm seine Karriere eine besondere Wendung. 1994 stellte er während des Crop-Over-Festivals auf Barbados ein neues Genre vor, Ringbang, das alle aus Afrika stammenden Rhythmen zu einem einzigen Klang zusammenführen soll. Er veröffentlichte Alben wie “Reparation” aus dem Jahr 2006, ein Plädoyer für die Wiedergutmachung des Unrechts der Sklaverei, und “Plaisance” aus dem Jahr 2017, benannt nach dem Dorf, in dem er geboren wurde. Sein Studio Blue Wave wurde von großen Namen wie The Rolling Stones, Sting, Cliff Richard und Elvis Costello genutzt. 2004 produzierte er sogar eine humorvolle Parodie auf “Gimme Hope Jo’anna” für eine Werbekampagne für ein Joghurtgetränk.
Ein bemerkenswertes Kapitel folgte 2020, als Grant eine Klage gegen den damaligen US-Präsidenten Donald Trump einreichte, weil “Electric Avenue” ohne Genehmigung in einem Wahlkampfvideo verwendet worden war. Im September 2024 entschied der Richter, dass eine Urheberrechtsverletzung vorlag. Im November desselben Jahres beschlossen beide Parteien, den Rechtsstreit beizulegen, ohne die Bedingungen öffentlich zu machen.
Grant lebt seit 1982 auf Barbados. 2024 erhielt er dort den Honorary Order of Freedom. Auch in seinem Geburtsland Guyana wurde er mit einer Auszeichnung für sein Lebenswerk, einem Ehrendoktortitel und einer eigenen Briefmarke geehrt.
Rückblickend fällt vor allem auf, wie konsequent Grant sich selbst treu geblieben ist. Er schrieb seine eigenen Songs, baute sein eigenes Studio, führte sein eigenes Label und hielt seine Musik lange von Streamingdiensten fern, weil er deren Bedingungen nicht akzeptierte. Das macht “Electric Avenue” zu mehr als einem Hit aus den Achtzigern. Es ist eine kleine Geschichtsstunde, die man nicht bemerkt, weil man zu sehr mit dem Mitsingen beschäftigt ist. Eine Straße in Brixton, ein wütender Songwriter und ein verlorener Koffer wurden gemeinsam zu einem Song, zu dem man auch vierzig Jahre später noch tanzen kann. Und wenn man genau hinhört, hört man unter dem Rhythmus noch immer das Viertel, in dem alles begann.

