Metallica schreibt Stadiongeschichte in Berlin

Es gibt Abende, über die man noch Jahre später spricht. Der Samstag im Olympiastadion war so einer. Metallica brach an diesem Abend den deutschen Rekord für das meistbesuchte Stadionkonzert, der seit 2009 auf den Namen U2 lautete. Als das Feuerwerk über den Rängen aufleuchtete, war das nicht nur ein Spektakel, sondern auch eine Bestätigung: Diese Band ist noch immer eine Macht für sich.
Dabei begann der Abend schon weit vor dem ersten Akkord. Wer ein Stadion dieser Größe kennt, weiß, dass man früh losfahren muss. Aber diesmal hätte man das ohnehin getan, denn Knocked Loose und Gojira standen als Vorbands auf dem Programm, und das sind keine Namen, an denen man einfach vorbeizieht. Gojira, die Franzosen, die 2024 bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Paris einen der unvergesslichsten Momente des Jahres hinlegten, hatten die Tribünen längst auf Temperatur gebracht, als Metallica das Olympiastadion endgültig übernahm.
Dann das Ritual. Aus den Lautsprechern schob sich der AC/DC-Klassiker “It’s a Long Way to the Top (If You Wanna Rock ‘n’ Roll)” in den Berliner Sommerabend, bevor die Trompeten von “The Ecstasy of Gold” einsetzten. Ennio Morricones unsterbliche Melodie stieg an, stieg weiter, und irgendwo in diesem Anstieg wurde aus Vorfreude echte Anspannung. Dann: kein Nebel, keine Scheinwerfer, kein großes Tamtam. James Hetfield betrat die ringförmige Bühne, seine weiße Electra Flying Wedge in der Hand, und ließ das erste Riff von “Creeping Death” los. So rau, so drohend wie 1984 auf “Ride the Lightning”. Das Olympiastadion bebte.
Diese 360-Grad-Bühne, das Herzstück der M72-Produktion, ist keine Spielerei, sondern eine Aussage. Die Band steht inmitten des Publikums, rundum gigantische Traversentürme mit zylindrischen Videoleinwänden und Lautsprecherstacks, die erst dann richtig aufspielen, wenn die Dunkelheit über Berlin hereinbricht. Pyro schießt in den Nachthimmel, Licht flackert und knallt. Und weil das Podium rund ist, bleibt kein Platz auf den Rängen ungenutzt, was bei einer herkömmlichen Frontalbühne schlicht nicht möglich wäre.
Die Setlist war eine Reise durch vier Jahrzehnte, und wer dabei war, spürte, wie sorgfältig sie zusammengestellt worden war. “For Whom the Bell Tolls” rollte wie ein Gewitter über das Publikum. “Of Wolf and Man” erinnerte daran, warum das schwarze Album von 1991, schlicht “Metallica” betitelt, bis heute die meistverkaufte Metal-Platte aller Zeiten ist. In Berlin war es an diesem Abend besonders präsent: “Sad but True” und “The Unforgiven” aus demselben Album bestätigten, dass diese Songs auch drei Jahrzehnte später noch eine ganze Tribüne in Bewegung setzen können. “Nothing Else Matters” brachte dann den Moment, auf den man bei jedem Metallica-Konzert irgendwie wartet: Zehntausende sangen mit, leise zunächst, dann immer voller, in den warmen Berliner Nachthimmel. Das aktuelle Album “72 Seasons”, das Metallica für seinen Titelsong einen Grammy für die beste Metal-Performance einbrachte, war mit ebendiesem Song vertreten. “The Day That Never Comes” öffnete eine andere Tür in der Bandgeschichte, die epischere, die nachdenklichere.
Sieben Jahre hatte Metallica nicht in Berlin gespielt. Sieben Jahre, die man an diesem Abend spürte. Es war, als hätte die Band etwas nachholen wollen, und die Thrash-Klassiker der frühen Achtziger flogen entsprechend mit einer Vehemenz ins Set, die das Publikum jedes Mal neu aufrieb.
Die Mitte der Show gehörten traditionell Kirk Hammett und Robert Trujillo. Das sogenannte Doodle, bei dem die beiden eine lokale Nummer interpretieren, ist auf dieser Tour zur festen Institution geworden. In Berlin fiel die Wahl auf “Sonne” von Rammstein. Trujillo übernahm nicht nur den Bass, sondern auch den deutschsprachigen Gesang, und das Olympiastadion antwortete mit einem Jubel, der zeigt, wie viel so ein Moment bedeuten kann, wenn er stimmt. Eine Band, die sich einer Stadt annähert, und eine Stadt, die das erwidert.
“One” wuchs wie immer aus dem Leisen ins Erschütternde, “Master of Puppets” und “Enter Sandman” sorgten für den Abschluss, den man sich von einer solchen Nacht erhofft. Bei “Seek & Destroy” gab Metallica das Mikrofon symbolisch ans Publikum ab, und Zehntausende Stimmen nahmen es an. Danach knallte das Feuerwerk, hell und laut, und als wäre es genauso geplant worden wie jeder einzelne Song des Abends.
Der M72-Tour steht noch der ganze Sommer mit Stationen in Bologna, Budapest, Dublin und Glasgow bevor, bevor das Ganze mit zwei Nächten im Londoner London Stadium endet. Berlin war an diesem Samstag eine Erinnerung daran, dass Metallica nach mehr als vierzig Jahren nicht nur Stadien füllen, sondern ihnen etwas geben, woran man sich erinnert.
