Esther Graf – wofür es sich zu leben lohnt

Esther Graf hat sich in kurzer Zeit zu einer der wichtigsten Stimmen des deutschsprachigen Pop entwickelt. Die aus Kärnten stammende Sängerin, die auf einem Bauernhof aufgewachsen ist und inzwischen in Berlin lebt, schaffte ihren Durchbruch mit einer Mischung aus Pop, R&B und einer Prise Punk-Energie. Mit mehr als 112 Millionen Streams ist sie aktuell die meistgestreamte österreichische Künstlerin, stand bereits auf den Werbetafeln des Times Square und wurde für die MTV Europe Music Awards nominiert. Mit ihrem zweiten Studioalbum “wofür es sich zu leben lohnt” geht sie nun den nächsten wichtigen Schritt – und das Ergebnis klingt überraschend befreiend.

Nach dem energiegeladenen Debütalbum “happy worstday” hätte man vielleicht eine noch härtere und lautere Platte erwartet. Stattdessen entscheidet sich Esther Graf für den gegenteiligen Weg. Sie klingt leichter, freier und jugendlicher, ohne dabei etwas von ihrer Schärfe einzubüßen. Texte und Arrangements zeigen deutlich, dass sie sich von alten Lasten und Erwartungen daran befreit hat, wie sie als Künstlerin klingen sollte. Stattdessen stehen Spaß, emotionale Offenheit und kreative Selbstbestimmung im Mittelpunkt.

Die Single “wie schön” setzt diesen neuen Ton sofort. Es ist ein moderner Popsong mit einer warmen Atmosphäre der frühen 2000er-Jahre, entstanden während eines Songwriting-Camps in Österreich, und zugleich einer der abwechslungsreichsten und emotionalsten Titel, die sie bisher veröffentlicht hat. “Pirouetten” erinnert mit seiner energiegeladenen Uptempo-Dynamik noch am stärksten an den Sound ihres Debüts, während das melancholische “wenn’s am schönsten ist” genau die schwierige Balance zwischen sanfter Wehmut und persönlichem Fortschritt findet.

Zusammenarbeit ist auf dem gesamten Album ein zentrales Thema – nicht nur musikalisch, sondern auch persönlich. Für diese Platte arbeitete Esther Graf unter anderem mit NESS zusammen, einer Künstlerin, die sie bereits seit längerer Zeit aus der österreichischen Musikszene kennt und schätzt. Viele Songs entstanden in Österreich, und diese Verbundenheit zu ihren Wurzeln ist deutlich spürbar. Sie selbst erklärt, dass sie neue Wege gefunden habe, ihre Gefühle zu kanalisieren, und diese stilistische Vielfalt zieht sich durch sämtliche Stücke des Albums.

Der Abschlusstitel “nach hause” beendet das Album nach rund vierzig Minuten auf eine sanfte Weise. Esther Graf singt dort über Dankbarkeit für die Person, die sie sein darf, verbunden mit Heimweh und Wertschätzung für ihre Herkunft. Es ist ein schöner Schlusspunkt für ein Album, das sich letztlich um die Frage dreht, die bereits im Titel steckt: Wofür lohnt es sich zu leben? Für Esther Graf lautet die Antwort eindeutig Musik – und diese Überzeugung ist in jedem einzelnen Song spürbar.

Was dieses Album von vielen anderen Veröffentlichungen des deutschsprachigen Pop unterscheidet, ist die Ehrlichkeit, mit der Esther Graf ihre Geschichte erzählt. Nichts wird schöner dargestellt, als es ist, aber auch nicht schwerer gemacht, als es sein muss. Dadurch entsteht ein Album, das Trost und Leichtigkeit in ein stimmiges Gleichgewicht bringt, ohne jemals oberflächlich zu wirken.

“wofür es sich zu leben lohnt” ist ein wichtiger Meilenstein in der Karriere von Esther Graf und ein Album, das eindrucksvoll zeigt, wo sie als Künstlerin heute steht. Es ist keine Platte, die lautstark um Aufmerksamkeit kämpft, sondern eine, die gerade durch ihre Aufrichtigkeit lange nachhallt. Ein schöner, warmer Schritt nach vorn für eine der vielversprechendsten Stimmen der deutschsprachigen Popszene. (Tobias Braun) (8/10) (Sony Music)

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